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In the Penal Colony
Oper von Philip Glass Libretto: Rudolph Wurlitzer nach Franz Kafka ML: Peter Aderhold, I: Kay Kuntze, B+K: Tina Kitzing Premiere: 22.11.2002, Berliner Kammeroper im Hebbel-Theater Fotos |
Glass's "Penal Colony" bows in Berlin
Case-hardened by previous encounters with Philip Glass operas, I confess I headed for Berlins
Hebbel-Theater Saturday night in a similarly bilious frame of mind. I hasten to report that
the doughty little Berliner Kammeroper provided a production of Glass's opera based on Franz
Kafka's horrifying tale "In the Penal Colony", Berlin' first, that kept my attention riveted
from beginning to end. (…) This operatic adaptation requires only three performers, one of
them mute, but their advance foreshadowing of the work's inevitable ending suffices to make
the sensitive auditor wince physically at several points during that exposition. (…)
Peter Aderhold, conducting the string quintet occupying this theater's small pit, maintained
well paced tension throughout, and Kay Kuntze's staging inventively made unbelievably much
out of the vocal and stage resources available to him. (…) On the whole, though, the
Berliner Kammeroper has scored its best accomplishment to come to my attention in the last
seven years, and I noted with pleased gratification this modest fine-print bit in the
program: "The BKO is predominantly supported by the Berlin Senate." It thoroughly deserves it.
My sincere compliments and best wishes to all of them. |
In the Penal Colony
(…) Szenisch unterstreicht Kay Kuntze das Ritualisierte der Vorgänge, lässt uns
75 Minuten lang teil haben an einem langen Abschied, dem Abschied von einer in sich
selbst und in ihrer Ideologie verstrickten Kultur, der das -in den Augen des Besuchers-
Inhumane human dünkt, das anderswo Humane inhuman. (…) Tina Kitzing hat der Inszenierung
eine Stufen-Pyramide gebaut, die Altar und Schafott zugleich sein kann. Hinter Türchen
und Klappen verbirgt sich die Mechanik der Maschine, hortet der Offizier mit penibler
Sorgfalt seine Utensilien, registriert er jeden Buß-Akt in dicken Aktenordnern. Hans
Grönings Offizier ist ein von seiner Mission überzeugter Biedermann und wird zu deren
letztem Opfer (…) Das Opfer, stumm, aber ausdrucksvoll: Mathias Kusche, erwartet seine
Qualen geradezu desinteressiert, verspeist eine Banane, reinigt den Käfig über seinem
Kopf, und zittert erst, als man ihn für die Prozedur vorbereitet.
SFB/ORB radio Kultur: "Galerie des Theaters", 24.11.2002
Kay Kuntzes Inszenierung ist in ihrer Darstellerführung so präzis wie beredt, folgt dem Rhythmus der Musik, macht sich nicht wichtig mit naseweisen Interpretationen des Textes, wozu ihm dessen Exegeten manche Gelegenheit geboten hätten. Kuntze, der neue künstlerische Leiter der Kammeroper, erzählt die Geschichte, wie Kafka sie erzählt, Glass sie in Musik gesetzt hat - gradlinig, sachlich, beinahe nüchtern und gerade deswegen auch irritierend. Denn nur derart irritiert kann das Publikum diese "Penal Colony" in Beziehung setzen zu religiös motivierten Untaten unserer Zeit. |
Romantik als Klebefolie
Der Verurteilte wartet, mit einem Drahtkäfig über dem Kopf, ergeben auf die
qualreiche Vollstreckung (Mathias Kusche spielt das mit einer großartigen Mischung aus
sprachlosem Leiden und stummer Hingabe), während der Offizier dem Besucher das System
erläutert. Ganz selten vergeht mal eine Minute. Die Bühne selbst wird von einer
Pyramide beherrscht, dem Bild der in allen Belangen zweckmäßigen Straf-Insel, auf
deren Stufen die Protagonisten wie auf einem Altar herumsteigen. Tina Kitzing, die
Bühnenbildnerin, hat die Pyramide mit einem selbstklebenden Holzimitat überzogen. Mit
diesen einfachen Mitteln macht sie das zusammengebastelt Fiktionale der Strafkolonie
deutlich, gleichzeitig stellt sie eine Verbindung zum eigenartig falschen Holzton der
Musik her. (…) Weil aber auch die Expression inselhaft bleibt, immer nur auf sich
selbst zurückkommt, gelangt der Abend in einen faszinierenden Schwebezustand aus
leidenschaftslosem Ausdruck und leerer Anschauung. Fast fühlt man sich hingerissen,
die Aufführung als Symbol zu verstehen. Der romantische Ton der Musik hätte darin das
Schicksal des untergehenden Strafsystems schon hinter sich.
BERLINER ZEITUNG, 25.11.2002
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Die "Strafkolonie" ist überall
Übersetzt man die in ihrer präzisen Verknappung wohl nicht wieder erreichte Prosa von
Franz Kafka auf die Opernbühne, so droht die surreale, fragile, Szenerie entweder
über einer plump erzählenden Handlung verloren zu gehen - oder an einer überladenen
Symbolik zu ersticken. (…) Die Inszenierung von Kay Kuntze nun bildet
diese Stärken und Schwächen notgedrungen genau ab: Da überzeugen die in einer
entmilitarisierten Zeitlosigkeit gehaltenen Kostüme und das Bühnenbild von Tina Kitzing,
das den Folterapparat aus anonymen Aktenordnern baut, eben mit der "Angst" als einer
gestaltlosen Bedrohung spielt; da liebkost der Offizier den Verurteilten, wird das
Verhältnis zwischen Täter und Tat ambivalent; da wird die zentrale Botschaft von der
Beliebigkeit und Allgegenwart der Bedrohung, die Mit-Schuld jedes Einzelnen in einen
sinnvollen Ringtausch der Kostüme gekleidet - und es gleitet dann ins geschmäcklerische
ab, wenn der Verurteilte auch noch in die Robe des Richters schlüpfen muss. Da wird der
Reisende von der Regie auf Hetzjagden geschickt - weil die Musik die Komplexität der
Bedrohung eben nicht widerzuspiegeln vermag. (…)
Ein für Heute nötiges Stück also, mit unnötigen Abweichungen von der Vorlage, in einer
größtenteils intelligenten Umsetzung.
DRESDNER NEUESTE NACHRICHTEN, 25.11.2002
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Zum Schluss trägt der Angeklagte den Arztkittel
Gefragt ist der urteilsfähige Zuschauer und Hörer. Er muß werten. (…) Auch Regisseur Kay
Kuntze enthält sich weitgehend einer Kommentierung - und sei sie noch so assoziaziv. Die Rede
ist von einer vor zwei Jahren uraufgeführten, nun von der Berliner Kammeroper, einem
experimentierfreudigen Off-Ensembles vorgestellten Philip-Glass-Oper "In the Penal Colony",
die nachdenklich, wenn nicht zutiefst betroffen macht. (…)
Der Schluss überrascht: Der Angeklagte trägt nun den Arztkittel. Haben sich die Verhältnisse
nur umgekehrt? Mörderische das eine wie das andere System? Dem Zuschauer bleibt viel zum
Nachsinnen bei all der musikalischen, szenisch, textlichen Ambivalenz.
Wie gut, dass Berlin neben den drei großen Opern-"Dampfern" auch wichtige Off-Bühnen hat, die
neuestes und relativ Neues bieten.
GIESSENER ALLGEMEINE, 30.11.2002
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