Faust

Oper von Charles Gounod

ML: Jan Michael Horstmann I: Kay Kuntze B: Tilo Staudte K: Anna Strauss
Premiere: 16.2.07, 19.30 Uhr | Mittelsächsisches Theater



Starke Bilder und Feuerwerk der Ideen
Mit Charles Gounods "Faust" haben die Veranwortlichen erstmals auch in Döbeln jenes Stück angesetzt, das im Rückblick die Überraschung der Saison war. Weil die moderne Inszenierung von Kay Kuntze das Publikum mit zeitgenössischem Musiktheater versöhnt: Wie schon zuvor in Freiberg, so wurde auch in Döbeln ein "Faust" bejubelt, der doch so ganz unerwartete Bilder liefert. Gleich in der Eingangsszene wirft Kuntze die Regieanweisungen über Bord: Wenn sich der Vorhang hebt, liegt der greise Faust auf der Intensivstation und zappt sich lustlos durch das Fernsehprogramm, ehe Mephisto auf dem Flachbildschirm erscheint und dem Sterbenden ein Leben in ewiger Jugend vorgaukelt. Die Idee allein aber macht noch kein Theater, weshalb der Regisseur in den folgenden drei Stunden ein beeindruckendes Feuerwerk an stets zur Musik passenden Einfällen abbrennt, das seinesgleichen sucht.
LEIPZIGER VOLKSZEITUNG, 17.7.07

Todesahnungen
Kay Kuntze inszeniert Fausts Nahtod-Erleben mit großem Einfühlungsvermögen, überrascht mit intensiven Regie-Einfällen, erzählt eine existentiell nachvollziehbare Geschichte und erfindet bizarre Situationen zur nachvollziehbaren aktuellen Bedeutung: So taucht Mephisto aus dem TV-Set auf, Faust stirbt auf der Intensivstation, lässt seine schuldhafte Gretchen-Episode Revue passieren, und am Ende gibt es Weißes Rauschen auf dem Bildschirm – mit dem nicht wegzuzappenden Mephisto ... Gerade einmal 250 Zuschauer haben im Theater Döbeln Platz – aber die verstehen die präsentierte Intention, lassen sich auf das Gebotene ein, akzeptieren die neu-erzählte Faust-Geschichte und feiern alle Beteiligte mit nicht enden wollendem Applaus. Die Oper siegt in Döbeln!
WWW.OPERNNETZ.DE

"Faust" mit Augenzwinkern
Der alte Dr. Faust beschwört in einem kahlen Krankenzimmer, an Schläuche angeschlossen, den Teufel. Er will wieder jung sein. Die kalte Beleuchtung einer Neonröhre erzeugt das Gefühl absoluter Einsamkeit ... DerTeufel springt aus der Kiste - aus einem Fernsehapparat - und die Depression hat ein Ende. Joachim Goltz ist ein prachtvoller Belzebub. Voller Leben, Kraft und Saft. Er spielt und singt den etwas blässlichen Faust locker an die Wand. Dr wirkt mit seinem "Forever young"-T-Shirt von Anfang an wie ein Verlierer: Faust als Spielball der unheimlichen Macht ... Der Chor der Soldaten fällt auf der Bühne im Kugelhagel, es regnet Geld ins Publikum. Die Massenszenen sind wuselig, aber was fürs Auge. Und drei ziemlich sexy Teufelinnen betätigen sich als Bühnenarbeiterinnen, Belzebub-Assistentinnen und Polizistinnen. Wenn eines derTeufelchen genussvoll Siebels Blumenstaruß verzehrt, gibt es am Bühnenrand mehr zu sehen als im Zentrum. Selbst die größte Dramatik wird mit Augenzwinkern vorgetragen. Mephisto legt erst Gummi-Handschuhe und Mundschutz an, ehe erder Margarete das Kind aus dem Leibe reißt.
DÖBELNER ANZEIGER, 16.7.07
 
Intensivstation
Es ist erst wenige Tage her, dass ein überregionaler Rundfunksender das Theater Freiberg-Döbeln über Gebühr lobte: Dort seien Anspruch und Wirklichkeit gleichermaßen ambitioniert - und dennoch spiele man am lokalen Publikum nicht vorbei, denn ein deutscher Wald sei auf der mittelsächsischen Bühne eben noch ein deutscher Wald. Gut möglich, dass die Autoren zumindest das letztere, nach Provinz klingende gallige Lob unterlassen hätte, wenn sie zuvor die aktuelle Inszenierung des "Faust" von Charles Gounod gesehen hätten. Kuntze offenbart in den gut drei Stunden ein beachtliches Arsenal inszenatorischer Grundtugenden. Da wird der Chor in den Massenszenen gewissenhaft geführt, da haben jede Geste und jeder Schritt eine detaillierte Bedeutung, da entwickelt Kuntze aus dem bunten Tableau der Gounod-Oper optisch starke Bilder. Vor allem aber denkt er seine Krankenhaus-Geschichte zu Ende: Faust erlebt die Liebestragödie mit Gretchen als Nahtod-Erfahrung. Zur Apotheose "Gerettet" findet er sich auf dem Krankenbett wieder, während des gigantischen Schlusschorals stirbt er. - eine umjubelte Premiere.
LEIPZIGER VOLKSZEITUNG, 20.2.07

Freiberg: FAUST
Beim Freiberger "Faust" versammelt sich am Kranklager des wieder in sein Siechtum zurückverwandelten Faust das gesamte Personal: Oberarzt Valentin, Oberschwester Marthe, das Pflegepersonal Siebel, Wagner und Margarete. Die schönste, ja vielleicht ergreifendste Stelle des Abends war dann, als Krankenschwester Margarete in den Schlusstakten der Musik plötzlich einen Teddybären unter dem Bett Fausts entdeckt, ihn in ihre Arme nimmt und traurig und ein wenig irritiert umherblickt. Wir aber wussten durch das Vorherige, dass sie es war, die den kleinen Teddy als Kindesersatz mit in den Kerker genommen hatte. Das besaß Spannung, die aber erst nach der Pause dieser Aufführung wirklich zuwuchs, in der es definitiv kein Ausweichen mehr vor den tragischen Aspekten gab. Regisseur Kay Kuntze setzte im ersten Teil des Abend auf flotte Unterhaltung. Faust anstatt in seiner Studierstube auf der Intensivstation. Ein mächtiger Plasmafernseher ermöglicht dem schwer kranken Greis ein letztes Zappen. Mit dem Erfolg, dass sich ein gewisser Herr Mephisto in das Programm schmuggelte und allerlei Kunststücke zum besten gab. Und wie ein Kasperl dann dem Kasten entsprang und das Stück ins Rollen brachte. Eine Figur, die ja durchaus im modernen Sinn so etwas wie einen Moderator abgibt, unserer Fähigkeit der differenzierten Betrachtung nicht recht trauend (…) grunzte, hüpfte, wedelte wie ein aus der Facon gerutschter Conferencier. Köstlich die Szene zwischen Marthe und Mephisto. Rita Zaworka zeigte, ganz feine Dame im Aussehen und Auftreten, wie man die Wünsche am Schwanz packt.
OPERNGLAS, 04/07


Optisch starke Bilder
Mit "Faust" setzte das Theater ein Stück auf den Spielplan, das wie kein zweites deutschen Tiefsinn mit französischem Charme verbindet. Dabei zeigt Regisseur Kay Kuntze schon im Eingangsbild, dass sich hinter dem Mythos mehr verbirgt als nur eine uralte Sage: Wenn sich der Vorhang hebt, liegt Faust auf der Intensivstation. Die Idee allein aber macht noch kein Theater, und leer laufende Regiekonzepte gab es in den vergangenen Jahrzehnten wie Sand am Meer. Doch Kuntze versteht sein Handwerk und entwickelt starke Bilder ... in dieser umjubelten Premiere!
DÖBELNER ALLGEMEINE ZEITUNG, 20.2.07


Bunter Teufel
Pech für Faust, Glück fürs Publikum. Denn rotzfrech, obszön und Stimmgewaltig fegt (Mephisto) übers Parkett als gelte es, dem Zuschauer den Ausgang der Geschichte einzubleuen: Den Triumph des Teufels. Das übrige Ensemble strampelt tapfer gegen die Übermacht an, wirkt aber - szenisch gut umgesetzt - wie eine Truppe Schmalfilmfiguren, die vorm Popcornmümmelnden Mephisto auftreten ... Kostümbldnerin Anna Strauß spart nicht mit modernem Anstrich und paart Margarethe im bonbonrosa Petticoat mit einem Faust in Jeans und "Forever Young"-Mottoshirt in der farbigen, sehr bildersprachigen Inszenieung von Kay Kuntze.
ADIEM, 7.3.07

Leserbrief des Opernclubs Dresden
Drei Stunden interessantes spannungsgeladenes und emotionsreiches Musiktheater, das bei unseren Mitgliedern nachhaltige Eindrücke hinterließ und auf große Zustimmung stieß. Unter Verzicht auf die heute weitverbreitete vordergrüngige Aktualisierung des Werkes ist die Aufführung gegenwartsbezogen, bietet vielfache Denkanstöße zum realen Leben unserer Tage, beispielsweise beim Rondo vom goldenen Kalb oder der euphorischen Verabschiedung der Soldaten in den Krieg. Unterstützt wird das Konzept von Kay Kuntze durch eine Reihe von Regieeinfällen, wie etwa die auf Margarete vorwurfsvoll und verurteilend weisenden Zeigefinger oder die poesievolle Liebsszene hinter Schleiern. Eingedenk der Tatsache , dass das Libretto auf eine französiche Boulevardkomödie zurückgeht, kam auch die unterhaltsame Seite nicht zu kurz ... Das ganze wird getragen von einem Ensemble, dessen Spielfreude sehr schnell über die Rampe kommt und den ganzen Abend das Publikum in Bann hält ...
FREIE PRESSE, 10.3.07