Bremer Freiheit

Singwerk auf ein Frauenleben von Adriana Hölszky nach dem gleichnamigen Schauspiel von Rainer Werner Fassbinder

Musikalische Leitung: Peter Aderhold
Bühne und Kostüme: Stefan Bleidorn
Dramaturgie: Katharina Tarjan

Mit: Annette Schönmüller, Magdalena Durant, Regina Jakobi, Angelika Weber;
Wilhelm Adam, Éric Beillevaire, Hartmut Kühn, Werner Matusch, Andrew Mayor, Peter Schoenaker, David Schröder
Kammerensemble Neue Musik

Eine Koproduktion von Berliner Kammeroper und Konzerthaus Berlin
Premiere: 19.11.2010, 20 Uhr, Konzerthaus Berlin
weitere Vorstellungen: 20.11./25.11./26.11./27.11.2010

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Videotrailer

Premierenpresse: Berliner Morgenpost, Berliner Zeitung, Neues Deutschland, Der Tagesspiegel, Deutschlandfunk,
TAZ
, Frankfurter Rundschau


Annette Schönmüller als Geesche Gottfried


Als Geesche Gottfried am 21. April 1831 in ihrer Heimatstadt Bremen öffentlich hingerichtet wird, hat sie 15 Menschen mit Gift getötet, 19 weitere haben ihre Anschläge nur knapp überlebt. Unter den Toten sind Geesches Eltern, ihre eigenen Kinder, ihre Ehemänner, Nachbarn, Freunde. Die monströse und zugleich faszinierende Geschichte der wohl bekanntesten Giftmörderin ihrer Zeit erzählt Rainer Werner Fassbinder in seinem Stück Bremer Freiheit, das als Vorlage für das Libretto von Adriana Hölszkys Schlüsselwerk des modernen Musiktheaters diente.

Ein „Singwerk auf ein Frauenleben“: auf Unterdrückung und Unfreiheit, Gewalt und Gegengewalt – das Leben einer Frau, deren persönlicher Freiheitsdrang mit den Normen der bürgerlichen Welt, in der sie lebt, nicht vereinbar ist und sie in einen fatalen Kreislauf führt: Immer wieder muss Geesche töten, damit sie frei sein kann. Doch Geesches Befreiung ist „eigentlich eine Illusion: Sie kommt aus der Unfreiheit und führt zur Unfreiheit. Geesche befreit sich nicht, sondern verwickelt sich in ihrem eigenen Netz.“ (A. Hölszky)

Die Uraufführung von Bremer Freiheit, einem Auftragswerk für die Biennale für zeitgenössische Musik in München 1988, bedeutete für die 1953 in Rumänien geborene Komponistin Adriana Hölszky, die heute zu den exzellentesten und etabliertesten zeitgenössischen Komponistinnen gehört, den internationalen Durchbruch.

Krieg einer Unglückseligen
Die vulgär-feministische Botschaft des Stückes hat inzwischen reichlich Patina angesetzt, aber wenn man es so inszeniert wie Kay Kuntze an der Berliner Kammeroper, dann wird großes zeitgenössisches Musiktheater daraus. Kuntze genügt ein Laufsteg im Werner-Otto-Saal des Konzerthauses, um die krude Geschichte packend zu erzählen. Reizvoll ist sie auch deswegen, weil man nicht genau weiß, ob hier mal wieder das böse Patriarchat angeklagt oder eine subtile Parodie auf den Feminismus geliefert wird. Die Männer jedenfalls sind allesamt Kotzbrocken, die Geesche hingegen scheint mehr Opfer als Täterin zu sein.
Der Kammeroper gelingt mit "Bremer Freiheit" eine provokante, bewegende und haarsträubend komische Inszenierung - vielleicht die beste Berliner Operninszenierung der Saison. Und das ausgerechnet in dem Moment, da der Senat dieser Institution die Basisförderung entzieht. In der Jury, die das Todesurteil fällte, saßen offenbar nur Ahnungslose. Die herausragende Arbeit der Berliner Kammeroper seit 30 Jahren liefert jedenfalls nicht das geringste Argument für eine solche Entscheidung. Der Hauptstadt droht also ab 2011 der Verlust hochkarätiger Aufführungen moderner Opern.
BERLINER MORGENPOST, Volker Tarnow, 30.11.10

Foto: Stefan Bleidorn Foto: Stefan Bleidorn

Krieg einer Unglückseligen
Keine Abstrakta schwirren leblos wie im menschenlosen Musiktheater, das seine Krise stetig verlängert. Sondern packende Figuren tollen darin. Packzeug bündelweise. Verschroben, chaotisch, versoffen, freudlos, versaut, enthemmt, syphilitisch, verbogen, gierig, banausisch – verflucht noch mal –, närrisch, blödianisch, teuflisch, unglücklich, kakophonisch, hinterhältig, grässlich laut, gemein, gewalttätig. Kein Held in Sicht, kein Zipfel Glück. Was für eine Ordnung. Einzig hochragend das Haupt der Protagonistin. Annette Schönmüller gibt diese anspruchsvolle Rolle in ihrer ganzen Verwickeltheit. Sie spielt und singt eine Killerin in Serie. Sie hält das Chaos aufrecht, indem sie unentwegt gliedert, sortiert – nach Zahl der Leichensäcke. Rasant, wie und wo die Mordsgeschichte abspult. Geesche Gottfried baumelt wie tot schon, bevor der Reigen bösartiger Geister lostritt. Auf einer gepolsterten Schaukel. Als wäre sie trapezkünstlerischen Geblüts. Theatralische Vorwegnahme dessen, was real in Bremen 1831 geschah. Die Köpfung. Polternder Auftritt des versoffenen Trios aus den Widerlingen Miltenberger, Rumpf und Zimmermann. Alle in kurzen Schlafanzughosen. Ihre Gesichter feist. Blaurot, was aus ihren Mäulern spült. Organisierter Lärm ringsum, elektronisch forciert. Überzeichnungen, wohin Aug und Ohr sich wenden. Singen in Extremlagen. Alptraumartig die Szenerie, deren Binnenspannung bis zum Ende hält.
Meisterhaft die Regie Kay Kuntzes. Jeder der Sängerdarsteller führt ein Instrument mit. Schlägt Plättchen, Beckchen, tippst auf Hölzer, piepst auf Trompetchen, trillert auf Pfeifen. Becken dienen als Regenschirm. Glänzende Idee. Sie, die instrumentelle mimetische Arbeit, führt durchs ganze Stück. Großes Wiehern, als Miltenberger zum Gaudium des Pöbels der Geesche an die Wäsche geht. Das Schwein reißt ihr mehr geifernd als singend die Schlüpfer runter, stopft ihr den Mund damit, legt sie um. Das ist die alles Folgende bestimmende und strukturierende Metapher. Geesche, gebeugt, erniedrigt, verlassen, verloren. Bündel Unglück. Aber sie bäumt sich. Schwarze Säcke rollen in immer kürzeren Abständen auf den Steg, dessen Kontur dem eines alten Wikingerschiffs ähnelt. Wehe, warnt das Stück letzlich, wehe, ihr belasst die Menschen in ihrem Unglück, wehe, ihr treibt es zu arg mit ihnen. Noch dies: Solche Ensembles wie die Berliner Kammeroper zeigen Erstaunliches. Die Berliner Kammeroper wird nicht mehr durch die Basisförderung des Berliner Senats unterstützt. Damit wird ihrer Arbeit die finanzielle Grundlage entzogen. Sie steht vor dem Aus. Die Kultur verrottet zusehends. Unmut schäumt. Verschweißt die Hähne, die der Behördenklüngel abdreht!
NEUES DEUTSCHLAND, Stefan Amzoll, 27.09.10

Foto: Stefan Bleidorn Foto: Stefan Bleidorn

Weiße Pillen schaffen Ordnung
...ein Wunderwerk des Musiktheaters auf allen Ebenen. Die Regie von Kay Kuntze folgt dem Geist der Vorlage beweglich und setzt das Geschehen einfallsreich und ohne es zu überladen im minimalistischen Bühnenraum um. Stefan Bleidorn schuf eine langgestreckte Rampe, die sich an einem Ende emporfaltet: Giftküche, Altar und Abflugbahn ins Jenseits. Die Leistungen der Sängerdarsteller sind beeindruckend. Diese Produktion ist ein eindringlicher Beweis dafür, wie notwendig die Berliner Kammeroper für die Hauptstadt ist. Dass hier der ganze Zauber des Musiktheaters jenseits der großen Bühnen und einer reklamesüchtigen Bespielung von U-Bahnhöfen oder Museen lebendig wird, sollte den Verantwortlichen in der Berliner Kulturpolitik noch einmal zu denken geben. Eigentlich ist es nach der skandalösen Streichung der Grundförderung und der dadurch erzwungenen Kündigung von Büro und Proberäumen schon fünf nach Zwölf für die älteste der freien Musiktheatergruppen Berlins.
BERLINER ZEITUNG, Martin Wilkening, 22.09.10

Foto: Stefan Bleidorn Foto: Stefan Bleidorn

Todesdroge "Mäusebutter"
Kay Kuntze hat sich dafür von Ausstatter Stefan Bleidorn mitten in den Raum einen schmalen, leicht ansteigenden Steg als Bühne bauen lassen, an deren Halfpipe-artig sich aufwölbendem Ende das Fallbeil wartet. Die Figuren agieren auf dieser Bühne fratzenhaft-grotesk, wie in einem Kasperletheater. Die Männer alle in kurzen Hosen, Gesche im bodenlangen, eng geschnürten schwarzen Kleid, immer auch wieder den Rock hebend oder zum Rockheben gezwungen. Immer neue Leichen als schwarze Säcke häuft Gesche auf dem schmalen Steg. Jeder Tote wird in einer Art Trauerzug vom kleinen Chor zu Grabe gesungen. Ihre letzte Leiche vor der Verhaftung versteckt Gesche unter dem ganzen Berg von Sack-Leichen. Der Aufwand ist beträchtlich für eine perfekte Produktion, erst der dritten seit der Uraufführung. Viel Beifall am Ende, auch für den Mut der Kammeroper, sich an dies doch recht aufwendige Stück zu wagen. Und sicher ein Beweis auch für ihre Leistungsfähigkeit.
DEUTSCHLANDFUNK, Georg-Friedrich Kühn, 27.09.10

Foto: Stefan Bleidorn Foto: Stefan Bleidorn

Verbrechen aus verlorener Ehe
Trotz deutlicher Botschaft geht es bei der Musik in erster Linie um körperliche Grenzerfahrungen, wie man bei der Premiere der Produktion der Berliner Kammeroper im Konzerthaus am Freitag am eigenen Leib spüren konnte. In der Inszenierung von Kay Kuntze beginnt die Beklemmung, lange bevor der erste Ton erklingt. Auf der Bühne, einem schmalen Laufsteg, hängt Gesche reglos und mit gesenktem Kopf in einer Schaukelkonstruktion, bis ihr erster Mann kommt, um Kaffee, Zeitung und Schnaps zu verlangen. Vor seinen Freunden demütigt und verprügelt er seine Frau, die alles über sich ergehen lässt. Kurz bevor die Freunde gehen, bringt Gesche ihrem Mann einen Kaffee, wenig später ist er tot. Ich geb dir Kaffee. Der Satz ist Leitmotiv des Stücks, fast schon mechanisch erfolgt der Gang zur demonstrativ am Ende des Stegs platzierten Tasse. Davor stapeln sich nach getaner Arbeit die schwarzen Leichensäcke. Schönmüller spielt die Hauptfigur als eine Verzweifelte, die, in ihrem sexuellen Begehren enttäuscht, schließlich den direktesten Weg wählt, um etwaige Widerstände aus dem Weg zu räumen. In der Musik wird die Bedrängnis körperlich spürbar, aus dem irritierenden Geflecht der Klänge, die sich kaum einzeln zuordnen lassen, gibt es kein Entkommen. Oft fühlt man sich von den Instrumenten angefallen, und die Sänger verstören, wenn sie mitten im Satz von klarem Gesang in hysterisches Kreischen, Sprechen oder Flüstern kippen. In dieser hybriden Kunstform ist alles formvollendet überzeichnet und angespannt. Hoffentlich bleibt dies nicht die letzte Produktion der Berliner Kammeroper: Berlin hätte dann bald deutlich weniger spannendes Musiktheater
TAZ, Tim Caspar Boehme, 25.11.10

Foto: Stefan Bleidorn Foto: Stefan Bleidorn


Im Angesicht des Todes
Wenn man den Saal betritt, da hängt sie schon da und zappelt. Die Leidensgeschichte der Geesche Gottfried beginnt wie sie endet – und sie endet wie sie beginnt. Von der Unfreiheit des Lebens in den unfreien Tod. Verbrechen als verzweifelte Emanzipation? So kann man die Deutung der Berliner Kammeroper verstehen. Regisseur Kay Kuntze adaptiert die Intention der Komponistin Adriana Hölszky, Gesang, Schauspiel und Instrumentales zu einer musiktheatralischen Einheit zu verschmelzen. Die Sänger haben feste Plätze im Orchester und wenn sie die laufstegartige Bühne doch betreten, bringen sie Rasseln oder Trommeln mit. Die Musik kommentiert die Handlung nicht, sondern ist selbst Teil des Geschehens. Das klappt mit Hölszkys verstörend-modernen Klangwelten besonders dann, wenn Geesches Innenleben zwischen Brutalität und Selbstzweifeln als klangliches Psychogramm aufgezeigt wird. Dann dröhnt und ächzt und knatscht es. Dass diese rundum schwere Opernkost den Saal bis auf den letzten Platz füllt, ist auch Ausrufezeichen gegenüber dem Senat, der der Kammeroper mit dem Vorwurf, zu typische Stadttheaterproduktionen zu machen, ab 2011 die Förderung entzieht.
DER TAGESSPIEGEL, Daniel Wixforth, 20.11.10

Foto: Stefan Bleidorn Foto: Stefan Bleidorn


Tod ohne Kredit
... Die Berliner Kammeroper gehörte zum unverzichtbaren Inventar des Musiktheaters in der Stadt, mit bis zu einer Million Mark Subventionen konnte das Team mehrere Produktionen pro Spielzeit anbieten; meistens randständige, ästhetisch wertvolle Werke des 20. Jahrhunderts, die man vergeblich auf den Spielplänen der großen Häuser suchte. Eben daraus wird Kuntze und seinen Mitstreitern jetzt der Strick gedreht. Eine unabhängige Jury empfahl, die Kammeroper aus der Basisförderung zu nehmen. Die absurde Begründung: Das Repertoire müsste eigentlich von den drei Opernhäusern Berlins „institutionalisiert“ gespielt werden. Die aber wollen und können das gar nicht. Es droht also, so nicht ein Wunder geschieht, das Ende. Das ist umso bitterer, wenn man weiß, welch hochrangiges Werk die Berliner Kammeroper mit Hölszkys „Bremer Freiheit“ für ihre 68. Produktion programmiert hat und wie eindrücklich die szenische Lösung und die musikalische Interpretation geraten sind.
FRANKFURTER RUNDSCHAU, Jürgen Otten, 19.11.10

Vom Aus bedroht
... Es kommt deshalb einem Wunder gleich, dass unter diesem Druck Chef Kay Kuntze und seinem Team eine der besten Aufführungen der jüngeren Zeit gelungen ist. Dabei stellt Adriana Hölszkys 1988 uraufgeführtes Singwerk an alle Beteiligten ungewöhnliche Anforderungen ... Im Konzerthaus inszeniert der Regisseur die Geschichte der Geesche Gottfried auf einem Laufsteg um den die Zuschauer postiert sind, als Befreiungsversuch einer Frau, die sich mit mörderischen Mitteln gegen männliche Unterdrückung wehrt ... Eine tolle Leistung, die auch pauschal für die 10köpfige Sängerschaar gilt, die ob solistisch, ob chorisch tanzend oder mit instrument bewaffnet, jede Aufgabe mit Totaleinsatz ausfüllt. Die letzte Aufführung war übrigens brechend voll - ein hoffentlich effektiver Apell des Publikums für an die politisch Verantwortlichen für das Weiterbestehen der Berliner Kammeroper
ORPHEUS, Karin Coper, 1+2/2011