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Der Freischütz
Oper von Carl Maria von Weber Bühne und Kostüme: Achim Römer Chor: Gabriele Pott Mit: Julia Sukmanova, Martina Welschenbach, Thomas Mohr, Matthias Klein, Hartmut Bauer, Clayton Nemrow u.v.a Hamburger Symphoniker Premiere: 17.7.2010, 20 Uhr, Eutiner Festspiele weitere Vorstellungen: 21.7.10, 23.7.10, 25.7.10, 29.7.10, 31.7.10, 7.8.10 Ticktes hier oder Telefon: 04521 / 709734 Interview, NDR Kultur-Bericht |
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Kay Kuntze, der Schlingensief von Eutin
Mit Kay Kuntzes "Freischütz" feiern die 60. Eutiner Festspiele eine umjubelte Eröffnung.
HAMBURGER ABENDBLATT, Tom R. Schulz, 19.07.2010Vor zwanzig Jahren hätten sie ihn gesteinigt. Schon nach den ersten Takten der schönen Ouvertüre zum "Freischütz" lässt dieser Regisseur in Eutin Krieg spielen. Max und sein finsterer Kumpan Kaspar robben mit ein paar anderen Soldaten über die Bühne. Die ist vollkommen kahl, nur ein paar mit rotem Outdoor-Teppich bezogene Podeste machen das Geröllfeld von einem Boden bespielbar. Einer der Soldaten fällt, zweimal müssen sie als Erschießungskommando an der Zivilbevölkerung Dienst tun. Waldidyll? Hoch oben an vier unverkleideten Lichtmasten hängen vier imposante Hirschköpfe mit entsprechenden Geweihen. Über der Bühne ein Galeriegang für den Strippenzieher Samiel. In der Wolfsschlucht-Szene steht ein Kreuz in Flammen, die Verhöhner von einst umtanzen den von Gesichtern geplagten Max mit entblößtem Gesäß und Samiel bellt als fast nackter schwarzer Mann seine knappen Sätze aus unsichtbaren Lautsprechern so teutonisch böse durchs Echogerät wie Till Lindemann, der Wort-Führer von Rammstein. Zum großen Jäger-Halali in der klassischen Männerchor-Nummer "Was gleicht wohl auf Erden" hetzt ein zweibeiniges, barbusiges Reh mit aufgesetztem Wildkopf durch den Raum, derweil die Jäger singend ihre Flinten wichsen, ehe sie aufs Rehlein anlegen. Merke: Männer jagen, was ihnen vor die Flinte kommt, denn jagen ist geil. Wer Rehe schießt, erlegt auch Frauen. Sie haben ihn nicht gesteinigt, sie haben ihn ziemlich gefeiert in Eutin, diesen Regisseur Kay Kuntze. Dabei wirkt seine Lesart der lokalen Inkunabel von Carl Maria von Weber, der 1786 in Eutin geboren wurde, ungefähr so ikonoklastisch wie Christoph Schlingensiefs "Parsifal" in Bayreuth. Kuntzes "Freischütz" tut einen Teufel, seine Konwitschny-Sehschule zu verleugnen. Bevor der erste Ton gesungen ist, hat die seelisch-lebensgeschichtliche Verortung des kriegsmüden Max weiträumig stattgefunden. Wie Peter Konwitschny liest auch Kuntze Partitur und Libretto besonders hellhörig auf das Gefüge zwischen den Geschlechtern und den Generationen ab. Auch er arbeitet mit Zeichen, Politik, Witz. Seine Sicht gewinnt ihre Glaubwürdigkeit daraus, dass er minutiös an der Musik entlang erzählt. Kuntze lässt die männerbündlerisch-homoerotische Komponente der trügerischen Soldatenfreundschaft zwischen Max und Kaspar anklingen. Und wie in Konwitschny steckt auch in Kuntze ein brechtscher Aufklärer... Eutin beginnt seine Geburtstagssaison mit bestem Regiemusiktheater. |
Jäger im Kriegstrauma
Gelungener Auftakt: Den Querelen um die Eutiner Festspiele hat die künstlerische Seite getrotzt.
Im 60. Opernjahr auf der Naturbühne am See ist Carl Maria von Webers Der Freischütz ein Volltreffer.
Regisseur Kay Kuntze räumt gestelzte Romantik beiseite, lässt Neuzeit herein und zeigt:
Max ist vom Krieg traumatisert. Der einst treffsichere Jäger findet sich daheim nicht mehr zurecht,
wird gehänselt und geht in seiner Verzweiflung dem üblen Esoteriker Kaspar auf den Leim.
KIELER NACHRICHTEN, Günter Zschacke, 18.07.2010
Bodenständiger Realismus lässt das nachvollziehen. Wenngleich Kuntze das Leben mit Kriegsschauplatz und Freizeitspaß gelegentlich überdeutlich macht, geht er doch den Zeitgeist mit Humor an - den sexomanischen, wenn Jäger das barbusige Rehlein erlegen, und den traumhochzeitlerischen, wenn die Brautjungfern als sommerliche Lucias hereinstolzieren. Dazu fügt der Regisseur den Surrealismus des Max ständig bedrohenden Samiel und einer Wolfsschlucht, die Dämonen und Hexen bevölkern. Alles verträgt sich zudem durch geschickt gestraffte und modernisierte Dialoge. Und es spricht - weil alle Mitwirkenden die Personenregie umsetzen - auch ein Publikum an. |
Der Krieg und seine Folgen
Es ist ein "Freischütz" für das 21. Jahrhundert: Kay Kuntze inszeniert Webers Oper in Eutin
zum 60. Jubiläum als modernes Spiel um düstere Mächte.
Kay Kuntzes "Freischütz"-Inszenierung setzt die Handlung in einen Kontext.
Kuntze bebildert die Ouvertüre mit Kriegs-Bildern - Webers Oper spielt schließlich nach dem Dreißigjährigen Krieg.
Max ist Soldat, er muss ins Gefecht ziehen, Zivilisten erschießen und ist bei Kriegsende traumatisiert.
In dieser Verfassung trifft er nicht beim Preisschießen, er wird zum verspotteten Außenseiter, der neben der
grauenhaft gemütlichen Schützengesellschaft steht. Max geht seinem Kameraden, dem gänzlich desillusionierten
und dem Okkultismus verfallenen Kaspar, auf den Leim. Er scheitert letztendlich, aber der Eremit,
den Kuntze in Zivilkleidung aus dem Publikum singen lässt, als Stimme des Volkes, verschafft dem armen Mann
Gerechtigkeit.
LÜBECKER NACHRICHTEN, Jürgen Feldhoff, 20.7.10Das ist harte Kost zum Jubiläum, zumal der Regisseur überaus drastische Bilder zeigt, die aber fast immer ihren dramaturgischen Sinn haben. In der Wolfsschlucht-Szene bringt er Max' Schreckensvisionen auf die Bühne, bis hin zu nackten Hinterteilen, die dem Leidenden entgegengestreckt werden. Diese dämonischen Auftritte sind wirklich gruselig, aber sie machen Sinn. Wenn Kuntze den Jägerchor der tapferen Waidmänner die Gewehrläufe blank wichsen lässt, um anschließend ein Reh in Gestalt einer halbnackten Statistin zur Strecke zu bringen, dann wird die Sexualsymbolik mit ganz großen Löffeln aufgetragen. Das ist eine Schwachstelle der Inszenierung, die durch wunderbare Massenszenen und eine geschickte Einbeziehung der Natur des Grünen Hügels glänzt. Die Personenführung ist ausgeklügelt, der große Bühnenraum wird konsequent genutzt ... Ein starker "Freischütz", der zum Nachdenken anregt und modern im besten Sinne ist. Ein beeindruckender Abend am Grünen Hügel von Eutin. Das Premieren-Publikum war begeistert. |
Kontroverser "Freischütz" sorgt für gemischte Reaktionen
Kay Kuntzes "Freischütz" hat gemischte Reaktionen bei den Eutiner Festspielen hervorgerufen. Gut so.
SCHLESWIG-HOLSTEINISCHE ZEITUNG, Karin Lubowski, 19.07.2010Wo stets alles beim Alten bleibt, verdorrt der Verstand. Bei den Eutiner Festspielen hat Regisseur Kay Kuntze ausgerechnet mit der heiligen Waldbühnen-Kuh "Der Freischütz" Neues gewagt - und beim treuen Publikum Buh-Rufe eingefahren. Gewonnen hat Kuntze trotzdem: Selten wurde so lebhaft über eine Eutiner Inszenierung diskutiert. Die Jägerburschen Max und Kaspar als tief traumatisierte Kriegsheimkehrer; Engstirnigkeit, die sich als Dorfidylle, Herzlosigkeit, die sich als Teufelsgabe tarnt; sowie ein Spiel, das sich zum Finale selbst als Show zu erkennen gibt: "Samiel" im weltlich gestreiften Bademantel, die schwarze Schminke verwischt, der gerade erst erschossene "Kaspar" wieder aufrecht und der Eremit gleich gänzlich in Alltagskluft singt aus dem Zuschauerraum. Und dann noch die karge Bühne, die mit rotem Bodenbelag und Metallgestänge nicht einmal Wald-Ähnlichkeit zulässt - das soll Carl Maria von Webers Meisterwerk sein? Im 60. Jahr der Festspiele? Auf der altehrwürdigen Bühne in der Geburtsstadt des Meisters? Keine Naturerlebnisse auf der Bühne. Kulturerlebnisse indessen gab es reichlich. Kunzes spektakuläre Inszenierung ist schlüssig und spannend. Vor allem aber hat sie die Tür zu einem Publikum aufgestoßen, dem der Weg zu Webers Werk bislang mit einer romantischen Gespenstergeschichte verstellt war. Jubel für die Musik, Groll für Bühne und Inszenierung. Kuntze wird es verschmerzen, denn Stoff für Diskussionen hat er ebenso geliefert, wie er die Lunte an die Neugierde weiterer Festspiel-Fans gelegt haben dürfte - und damit genau das schafft, was die krisengeschüttelten Eutiner Festspiele am dringendsten brauchen: kritisches Publikum. |
Posttraumatische Sommerfrische
Kay Kuntze hat Carl Maria von Webers "Freischütz" inszeniert - und dabei die Stresssymptome deutscher Soldaten
in Afghanistan im Blick gehabt.
LITERATURKRITIK, Peter Münder, 26.07.2010
Zum 60jährigen Jubiläum der Festspiele gab es auch diesmal wieder eine "Freischütz"-Inszenierung, die allerdings schon im Vorfeld von hitzigen Kontroversen und Protesten begleitet war. Als ruchbar wurde, dass der Regisseur Kay Kuntze, künstlerischer Leiter der Berliner Kammeroper, sich auf eine moderne Version mit Anspielungen auf posttraumatische Stresssymptome deutscher Soldaten im Afghanistan-Einsatz kaprizierte und nicht davor zurückschreckte, in szenischen Bildern ein Exekutionskommando im Einsatz zu zeigen, war die Entrüstung im Blätterwald groß: Durfte man den so liebevoll geflochtenen Jungfernkranz so plump mit Blut besudeln? "Würde sich der Komponist Weber im Grabe umdrehen"? (Ostholsteinische Zeitung) "Hat wirklich niemand den Regisseur gewarnt? Hat ihm niemand gesagt, dass Webers Meisterwerk in Eutin sakrosankt ist?" fragte das Kultur-Magazin "Unser Lübeck" besorgt. Jedenfalls schien im Eutiner Umfeld kaum ein größeres Unheil vorstellbar als diese Inszenierung, in der deutsche Soldaten in Tarnjacken über die Freilichtbühne robbten, einen Gefangenen standrechtlich erschossen und der unglückliche Freischütz Max als paralysierter Außenseiter gezeigt wurde, dem ein Pappschild mit der Aufschrift "Versager" um den Hals gehängt worden war. Erschwerend kam noch hinzu, dass ein halbnacktes Mädchen als Bambi durch den Wald gejagt wurde und einige junge Damen dem verwirrten Max ihren entblößten Hintern zeigten... Dermaßen eindringlich auf ein so unerhörtes Kulturerlebnis eingestimmt, konnte sich der Betrachter dann nur über das maßlose Erregungspotential der Eutiner wundern: Leiden Webers Figuren, die ja in den Folgejahren nach dem Dreißigjährigen Krieg agieren, nicht auch unter posttraumatischen Störungen? Sind die ironischen Brechungen ritualisierter Macho-Gesten wie das Saufen oder das Gewese um einen erfolgreichen Probeschuss, der Max die Förstertochter Agathe bescheren soll, nicht absolut nachvollziehbare, stimmige Kontrapunkte? Das Publikum erwies sich jedenfalls als lernfähig: Man applaudierte kräftig und ausdauernd und bejubelte die großartigen Sänger. Der befürchtete Eklat fand nicht statt; kein einziger Buh-Laut war vernehmbar. weitere Premierenberichterstattung: OSTHOLSTEINER ANZEIGER, LÜBECKER NACHRICHTEN, DER REPORTER |