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Der fliegende Holländer
Romantische Oper von Richard Wagner ML: Stephan Tetzlaff, I: Kay Kuntze, B: Susanne Sommer, K: Thomas Kypta Premiere: 25.12.2001, Stadttheater Bremerhaven Fotos |
Der fliegende Holländer
In suggestiver Langsamkeit entspannt sich leuchtend ein "blutrotes Segel" im
Bühnenhintergrund. Gleichzeitig fährt ein mittleres Segment des Bühnenbodens auf halbe
Höhe und gibt den Blick frei auf das Schiffsinnere, in dem ein großer, einsamer Mann
zwischen schwarz verhängten Spiegeln umherirrt - eine Grabeshöhle.
Die Neuproduktion des "Fliegenden Holländers" in Bremerhaven zeigt, wie wirkungsvoll
eine ausgefeilte Bühnentechnik im Dienst des Stückes eingesetzt werden kann. Zu den
großen musikalischen Aufschwüngen Wagners findet Regisseur Kay Kuntze immer wieder
eindringliche Entsprechungen, vor allem mit der unheimlichen Präsenz des
Geisterschiffes. Wenn Dalands Seeleute die Geisterbesatzung zum Fest auffordern,
befindet sich der Chor auf dem hochgefahrenen Bühnenteil, übermütig auf den Boden
trommelnd. Die Mannen des Holländers stehen dagegen regungslos im fahl beleuchteten
Schiffsgrab, die Gesichter durch Strumpfmasken entstellt.
Der Regisseur beherrscht die Kunst der Zuspitzung. Kapitän Daland hat einzig im Sinn,
seine Tochter Senta gewinnbringend zu verheiraten; dieser bürgerliche,
materialistische Charakterzug ist scharf herausgearbeitet. Sentas Neigung zum
Übernatürlichen äußert sich in der Leidenschaft zur Malerei - einziges Motiv: der
fliegende Holländer-, während ihre Altergenossinnen einen Hauswirtschaftskurs
absolvieren: die Spinnstube als grell beleuchtete Slapstick-Einlage. Die
"Liebesgeschichte"zwischen Senta und dem Holländer wird dagegen behutsam angefasst.
Fast schüchtern ist die erste Begegnung, in der sie sich kaum ansehen. Umso stärker
kann sich in diesem Zwischenraum die Musik entfalten. (...) Eine sehr ansprechende
Aufführung, in der Handlung, Musik und Szene wirkungsvoll ineinandergreifen.
OPERNWELT, März 2002
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Spätes Mädchen spielt Engel
Kay Kuntze geht noch weiter und erzählt Wagners Ideendrama als Psychostudie. (...) Die
Oper, in der nur von Treue, nie von Liebe die Rede ist, wird zur gefühlskühlen
Beziehungskiste im Stil Arthur Schnitzlers. Ein interessanter Ansatz. Von nautischem
Naturalismus weit entfernt lässt die Bühne quasi einen Blick in die Köpfe
der zwei Hauptpersonen zu. Zaghaft deuten Eisschollen eine romatische Seelenlandschaft
à la Caspar David Friedrich an. Wenn hinten das rote Segel des Holländer-
Schiffs auftaucht, weißt die herrauffahrende Unterbühne in den engen
Schiffsbauch. Der Holländer ist dort in einem Kostümfundus mit Kleidern seiner
abgelegten Frauen gefangen, in dessen Spielgeln dieser Herzog Blaubart immer nur sich
sieht. In der Mitte wartet das gefiederte Engelskleid auf die kleine, feine, reine
Eine. Senta ist ebenso eine gefangene. Die Spinnstube gestaltet Kuntze zur Hauswirtschaftsschule
um, in der Frau Mary ein strenges Regiment führt. In dem kahlen Kachelraum bügeln,
putzen, wickeln 14 Chordamen nach Herzenslust, eine witzig-kuriose Szene. Senta hält
künstlerisch dagegen: Sei malt lieber Bilder vom bleichen Mann, ihrem Prinzen,
als dem Vater die Pantoffeln zu reichen.
NORDSEEZEITUNG, 27.12.01
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Wagner auf der Couch
(...) Der Regiegast Kay Kuntze bürstet Wagners Sturm- und Drangstück gegen den Strich,
er nimmt die Figuren der Oper satirisch unter die Lupe. Das funktioniert tatsächlich
in der zentralen Szene, wenn die Kapitänstochter Senta zu Beginn des zweiten Aktes
in ihrem Zimmer sitzt und die bleiche Gestalt des Holländers auf dem Bild an der
Wand besingt. Aus Wagners Spinnstube mit Dorfmädchen macht Kuntze erfrischend frech
eine gekachelte Lehranstalt für künftige Mütter. (...)
Diese Umdeutung wirkt deshalb nicht trivial, weil sichtbar wird, wie Senta sich ihrer
"Sozialisierung" verweigert. Sie verläßt das Pult und geht zu den Bildern, die
sie malt - es ist immer das gleiche Motiv, der fliegende Holländer, dessen Portrait
sie vervielfacht an die Wand der Lehrküche hängt, wofür sie von den
braven Automatenmädchen ausgelacht wird. Aber leider muß Kay Kuntze sogleich
analytisch zerstören was er hier aufbaut: er muß Sentas Schmerz entlarven.
Er macht sichtbar, dass das arme Weib von einem selbstzerstörerischen Wahn besessen
ist: sobald der Holländer in die Küchenstube tritt, besingt sie nicht ihn,
sondern sein Bild an der Wand. (...)
Und der Holländer? Er kommt mit einem Koffer (...) Sobald er Senta sieht, legt er ihr
das Federgewand an. Wir begreifen: Der Mann hat keinen Blick für sie, sondern nur
für seine Projektion. Er sieht in jeder Frau den erlösenden Engel. (...)
...als Inszenierung witzig, fragwürdig, klamottig, auch beim Publikum umstritten:
Buhrufe und Bravos nach der Premiere
TAZ BREMEN, 4.1.02
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