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Idomeneo
Dramma per Musica in drei Akten von Wolfgang Amadeus Mozart, Libretto von Giambattista Varesco Bühne und Projektionen: urbanscreen Kostüme: Christa Beland Chor: Daniel Mayr Dramaturgie: Hans-Georg Wegner, Juliane Luster Idomeneo: Luis Olivares Sandoval | Idamantes: Nadja Stefanoff | Elektra: Patricia Andress Ilia: Nadine Lehner | Arbace: Randall Bills | Oberpriester: Christian-Andreas Engelhardt Premiere: 27.3.2011, Theater Bremen weitere Termine: 2.4. | 7.4. | 9.4. | 12.4. | 6.5. | 15.5. | 18.5. | 29.5.| 2.6. | 5.6. | 22.6. | 24.6. | 7.10. | 9.10. | 21.10. | 23.10.11 31.5. | 23.6. | 6.7. | 11.7.12 info Interview Video |
Premierenpresse:
Frankfurter Rundschau,
Nordsee-Zeitung,
Neue Musikzeitung,
Klassik.com
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Tableaus als Sinnbilder
Fast könnte man sich verleiten lassen,
die spezifische Qualität von Kay Kuntzes "Idomeneo"-Inszenierung am Bremer Theater zu verkennen.
Auf der Homepage des Theaters liest man, die Inszenierung werde geprägt durch die Bremer Künstler von urbansreen; (...)
Doch die Projektionen von urbanscreen, die geometrische Muster auf weiße, kubistisch verwickelte
Architekturstrichartefakte werfen, sehen attraktiv aus und
schaffen den Figuren einen abstrakten, zeitlosen Spielraum. Aber sie tragen interpretatorisch wenig zur
Auseinandersetzung mit diesem ersten Opera-seria-Wurf Mozarts bei. Das gelingt Kay Kuntze Regie umso besser. (...) Kuntze überhöht die Handlung mit viel Sinn für artifizielle Tableau-Wirkungen zum Parabelspiel. Er zeigt in seiner eng mit der Musik geführten Personenregie nicht nur, wie zerrissen diese Charaktere sind, sondern findet auch starke Bilder für die Gründe dieser Zerrissenheit. Der Poseidon-Priester zum Beispiel erscheint bereits im ersten Akt als schwarzes Schatten-Alter-Ego des Idomeneo, dass jene Welt aus Tradition und Götterglaube symbolisiert, die Idomeneo das inhumane Menschenopfer abverlangt. Auch Ilia wird von ihren ermordeten Ahnen verfolgt, die es ihr lange verwehren, Idamantes Liebe zu erwidern. Und wenn statt des Seeungeheuers plötzlich Idomeneo selbst unter seinen Untertanen wütet, wird klar: die inhumanen Kräfte hausen in des Menschen Brust, das Ungeheuer ist letztlich deren ästhetische Projektion. Dass Kuntze dies so sinnfällig und mit ironischen Seitenblicken zu erzählen vermag, verdankt er einem hervorragenden Sängerdarsteller-Ensemble. (...) Diese Produktion bietet eine Fülle musikalischer und szenischer Anhaltspunkte für die interpretatorische Auseinandersetzung mit dieser Opera seria. DIE DEUTSCHE BÜHNE, Mai/2011, Detlef Brandenburg Kinder, schafft Neues Ist der Mensch in Not, wird er zu absurden Dingen getrieben. Gerne ruft er in schicksalhafter Zwangsverstrickung die Götter an oder verflucht sie. (...) Das Schlimmste aber geschieht, wenn er der außerirdischen Potenz zuliebe ein Gelübde ablegt, das andere Menschen in den Tod treibt. (...) Welche Eigensucht in diesem Entschluss liegt, zeigt die Inszenierung von Kay Kuntze am Theater Bremen in unerbittlicher gedanklicher Schärfe. Dieser Abend sagt uns, ohne ins Moralisch-Appellative zu verfallen: Lasst es endlich sein mit dem verheerenden Krieg, egal wie er motiviert ist. Es bringt doch nur weitere Tote. Die Aktualität der Botschaft ist evident. Und sie wird deutlich formuliert. Dieser Idomeneo von Luis Olivares Sandoval, das ist auch vokal ein wahrer Krieger, der zwar ahnt, dass der hinter ihm stehende Neptun größer ist, der aber doch selbst nach Allmacht trachtet, weil er die Waffen bei sich weiß. Und der gerade, weil er sein martialisches System als das einzige begreift, übersieht, dass des Menschen Los ein anderes wäre, wenn er Vernunft und, mehr noch, Liebe walten ließe. Als der kretische König sein Desaster erkennt, ist es fast zu spät. (...) Das Bühnenbild zum "Idomeneo" stammt nicht von einem Meister des Handwerks, sondern wurde im Wesentlichen von Urbanscreen entwickelt, einer Vereinigung kreativer Computer-Designer. Also flackert und zuckt und glüht es gewaltig in der weißen, karstig-kantigen Landschaft, die durch variable Konstellation wohl überlegt verschiedene Szenen und Seelenzustände der Protagonisten bebildert. Man könnte nun lange darüber sinnieren, ob es zwingend nötig ist, das, was Musik und die Szene erzählen, zu transzendieren. Einen Versuch aber ist es wert, weil es die Sehgewohnheiten ändert. Ist etwa Idomeneo vom Tosen des Meeres und seines Innern gequält, dann sieht man buchstäblich, wie seine Nerven elektrisiert sind, wie stark er unter Spannung steht, kurz: wie sehr er seine Contenance verliert. Das ergibt auch Sinn, weil es dialektisch gedacht ist. Das Abstrakte schafft und bedingt das Konkrete, das Konkrete das Abstrakte. Der Abend macht sich dies szenisch wie musikalisch zunutze. Kreta ist hier kein definierter Ort. Es ist ein Ort irgendwo in der Welt, an dem Menschen aufeinander treffen, die verschiedene Ziele haben, diese aber nicht frei umsetzen können. Frei ist allein die Liebe. Aber sie ist an gesellschaftliche Zwänge gebunden. Nicht nur in Kreta. (...) Weil es schwer fällt, gegen diese Liebe anzusingen, ist es eine richtige Entscheidung, das Furienhafte der Elettra zu dämmen. Bei Patricia Andress ist die Figur eine Mischung aus draller femme fatale und durchgeknallter Gouvernante, mithin ein allzu menschliches Wesen, das eben nur in einer anderen Welt zu leben scheint. Damit gelangt ein bisschen buffa in die seria. Was gut ist, weil das Scheitern des Menschen in und an der Welt nicht nur das Gepräge des Heroischen trägt. Es ist gleichsam seinsimmanent, es ist tragisch wie komödiantisch. Deshalb ist auch der Schluss grandios. Weder Neptun noch ein Deux es machina lösen den verhärteten Knoten. Ein Kind ist es, das, während Idomeneo das einzige Richtige und tut und sich als Inkarnation des Ancien Régime den Degen in die Brust rammt, verzeiht und Neues möglich macht. Und gäbe es eine schönere Vorstellung als diese: Zu wissen, dass unsere Kinder endlich die Vernunft an den Tag legen, die wir nicht haben? FRANKFURTER RUNDSCHAU, 29.3.11, Jürgen Otten Seelenräume (...) So verzichtet Kay Kuntze in seiner Bremer Regiearbeit denn auch auf wirklichkeitsgetreues szenisches Abbilden und verlegte sich auf eher rational durchgestaltete Bewegungsabläufe von distanzierter Emotionalität, bisweilen verlangsamt oder ritualsisiert (...) Affekte wurden unterstrichen durch charakteristische, expressive Gesten und neu hinzuerfundene stumme Figuren - die Geister von erschlagenen Trojanern bei den Auftritten der Ilia etwa - dienten der Visualisierung unterschwelliger Stimmungen. Ein insgesamt weniger an äußerer Dramatik denn an der Verdichtung von Seelenzuständen orientiertes Szenogramm, dem Werk gegenüber von subtilem, aber nie sich vordrängendem Deutungsanspruch. (...) DIE OPERNWELT, Mai/2011, Gerhart Asche Abwahl der Götter (...) Und der Regisseur Kay Kuntze interessiert sich nicht für die Aktualisierung der Geschichte selbst als vielmehr für die psychische Absolutheit der Gefühle - und wird damit natürlich extrem aktuell. Es gibt kein historisches Bühnenbild, sondern die auf einem verschiebbaren Quader gestaltenden Lichtprojektionen von der Bremer Firma "UrbanScreen". (...) Die von Mozart selbst so geliebte Musik, die er für das damals wohl beste Orchester der Welt, die Mannheimer, schrieb, gibt Kuntze recht: Mit ihr ist Mozart weit in den psychischen Bereich seiner Personen vorgedrungen. Liebe bei Ilia, Verzweiflung bei Idamante, pathologische Hilflosigkeit bei dem ansonsten erfolgs- und mordgewohnten gewohnten Idomeneo, der in den unlösbaren Konflikt gerät, seinen Sohn Neptun opfern zu müssen, Liebe, Ehrgeiz und Todesbereitschaft bei Elektra, die an Idamante nicht herankommt. Gleichwohl wird die politische Kerngeschichte - Besetzung und Unterdrückung - in aller Deutlichkeit erzählt und gipfelt in einem wunderbaren beleuchteten Schlussbild. Dabei gelingen Kuntze große Bilder: wenn der Gran Sacerdote, der Idomeneo zum Vollzug des Opfers zwingen will, keine eigene Rolle, sondern die verinnerlichte Gewissensinstanz Idomeneos ist: als schwarze Gestalt ist er immer hinter dem König und damit seine Verdoppelung. Das Orakel, das das Opfer aufhebt und die Herrschaft von Ilia und Idamante ankündigt, ist hier ein Knabe, der mit einem herrlichen Wellblechgeraschel hereinstürmt und sich ergreifend gegen die Posaunen durchzusetzen versucht. Die Griechin Elektra, die Fremde auf Kreta, ist eine Karikatur ihrer seria-Gefühle und so darf sie auch am Ende - wahnsinnig geworden - mit sich raufenden Haaren herumrasen. Diese Art von ironischer Brechung hat Kuntze vielfach: zwei eigentlich schreckliche Szenen sind, wenn Idamante mit Elektra vom Vater zur Abfahrt gezwungen wird oder wenn Idamante und Ilia sich nacheinander auf das Opferpodest legen. Kuntze provoziert ein kleines Schmunzeln und macht das mit großer Intelligenz und Feinheit. Dass diese Aufführung so ovationenträchtig funktionieren konnte, hängt auch mit der musikalischen Umsetzung zusammen. (..) NEUE MUSIKZEITUNG, 30.3.11, Ute Schalz-Lauzenze Suchbewegungen Mit der Inszenierung von Mozarts 'Idomeneo' ist in Bremen ein großer Wurf gelungen. Kay Kuntze interessiert sich für das Menschliche, er will darlegen, warum die Menschen so handeln und Lösungswege aufzeigen. Die Tragödie um den in festen Mustern verhafteten König Idomeneo, die nur auf den ersten Blick vor dem Hintergrund einer erstarrten Nomenklatura der Opera seria auf einem Widerstreit zwischen Pflicht, Neigung und defizitärem menschlichen Erkenntnisvermögen beruht, wurde nicht zur Liebesromanze mit angeklebtem Happy-End degeneriert, dessen Eintreten nur durch unglückliche Umstände erschwert wird, wodurch Ehe, Thron und Macht erst einmal in eine ferne Zukunft rücken. Durch Kuntzes intelligente Sichtweise rückt das Innenleben der Personen in den Vordergrund. Das Schicksalshafte des antiken Mythos' wird zur Zufälligkeit des Daseins des modernen Menschen, der sein Schicksal selbst in die Hand nehmen muss. Bis dahin ist der Ansatz so neu nicht, aber Kuntze suchte in diesem Werk, was im Wirklichen unwirklich ist und im Unwirklichen wirklich und brachte durch seine sensible Sicht auf das Geschehen Aspekte zum Vorschein, die man in diesem Werk bisher noch nicht so intensiv wahrgenommen hat. Er bringt eine Aktualität auf die Bühne, die aufzeigt, dass in unserer Zeit Subjektivität immer mehr hinter den sogenannten Sachzwängen verschwindet. Über alledem steht die Frage: "Wo stehen wir?" Idamantes Einsicht, sich der scheinbar unvermeidlichen Ordnung zu unterwerfen, greift nicht mehr; ähnliches gilt auch für Ilia. Die Welt hat ihre Kindlichkeit verloren. Das, was einst die Welt war, das ist erledigt! Handeln von denen, die noch können, ist angesagt. Dazu gehört Elettra, die noch völlig in den Konventionen verhaftet ist, auf keinen Fall mehr, und vor diesem Hintergrund wird es mehr als evident, dass Idomeneo sich am Ende das Leben nimmt. Er ist zu traumatisiert, zu gezeichnet, um weiterleben zu können. Die Inszenierung wird hier politisch im besten Sinne, ohne die große Moralkeule zu schwingen. Das ist wahrlich nicht einfach zu inszenieren, aber Kay Kuntze ist es gelungen, die Bühne als einen Ort zu gestalten, in dem in der Tat Realität und Irrealität ineinander verschmelzen. Mittels modernster Lichttechnik konnte jedem Protagonisten eine individuelle Lichtchoreographie zugeordnet werden, die je nach Bedarf eine Innen- oder Außensicht bot. Innerhalb einer mobilen Projektionsskulptur mussten die handelnden Figuren sich ihren Weg zwischen den unterschiedlichen Wirklichkeiten suchen. Mit Grundelementen der Geometrie, wie Linien, Flächen, Körper entstanden durch geschickte visuelle Gestaltung und sensible Farbgebung faszinierende schön komponierte Lichtskulpturen, deren Bedeutung sich dem Betrachter von selbst erschloss. Dabei wurde auf der Bühne nichts dem Zufall überlassen; die Bewegungsmuster der Sänger schienen bis ins kleinste durchchoreographiert. All das wäre allein schon spektakulär genug, käme aber nicht zur Wirkung, wenn nicht Generalmusikdirektor Markus Poschner und seine Bremer Philharmoniker sich genau die Noten angeschaut hätten. (...) KLASSIK.COM, 27.03.2011, Michael Pitz-Grewenig Ganz viel Atmosphäre (...) Eine vom Premierenpublikum bejubelte Produktion – anspruchsvolle Kunst, die aus sich heraus wirkt und Effekte überwiegend meidet. (...) Kay Kuntze setzt die optische Vorlage von Urbanscreen zu einer dichten, gerade auch wegen der oft vorhandenen Künstlichkeit der Figuren emotionalen Inszenierung um. WESER-KURIER, 29.3.11, Markus Wilks Klassik trifft auf Hightech Regisseur Kay Kuntze inszenierte ein packendes Drama vor eindrucksvoller Kulisse. (...) garantiert nicht langweilig! BILD, 29.3.11, Larissa Hoppe Idomeneo effektvoll in Szene gesetzt Neue Wege zur Bühnengestaltung beschreitet das Theater in Bremen. Für Mozarts "Idomeneo" entwarf die Firma Urbanscreen eine kubusartige Holzkonstruktion, die sich punktgenau und computergesteuert ausleuchten lässt. Der Gefahr und Versuchung, diese Verschmelzung von "digitaler und analoger Kunst zu neuen Gestaltungsräumen" zum Selbstzweck verkommen zu lassen, ist man nicht erlegen. Dafür garantierte Regisseur Kay Kuntze, dem eine äußerst ästhetische, gleichermaßen artifizielle wie blutvolle Inszenierung gelungen ist, der man durchaus Modellcharakter zusprechen kann. Kuntze bemühte keine modischen Zutaten und keine Aktualisierungen. Er präsentierte die Oper in zeitloser Gültigkeit. (...) Kuntze hat in seiner Personenführung und in den Bewegungsabläufen vor allem auf die Verdeutlichung der Seelenzustände der Figuren gesetzt, - Kunstfiguren muss man schon sagen - indem er ihre Emotionen mit sinnfälliger Gestik unterlegte. Insgesamt ist eine fesselnde, dem Werk adäquate Interpretation gelungen. (...) Begeisterter Jubel für eine gelungene Premiere. NORDSEE-ZEITUNG, 30.3.11, Wolfgang Denker |