|
Lavinia A.
Oper nach Shakespeares TITUS ANDRONICUS Musik: André Werner, Libretto: Gerd Uecker ML: Hermann Bäumer, I: Kay Kuntze, B+V: Frank Michael Zeidler, K: Mathias Rümmler Uraufführung: 15.4.2007, Theater Osnabrück Fotos |
Zwischen Spätromantik und Postmoderne
Der kompromisslosen Regie von Kay Kuntze war ein eindrucksvoller Abend zu verdanken.
Auf der steil abfallenden Freitreppe rollte das gleichermaßen rituell stilisierte wie körperlich
ausagierte Spiel der vier Hauptdarsteller und der stummen Statisterie mit der Präzision eines Krimis und
der Kälte eines Horrorfilms ab. Bestechend der Einfall, für die Morde kein Blut, sondern Schwärze
fließen zu lassen. Wenn am Ende alle - Solisten, Statisten und der Chor - mit Teerpech erschlagen liegen,
steigt Lucius, der jüngste und einzig überlebende Sohn des Titus, als neuer Machthaber die Treppe herab,
und die Geschichte kann wieder von vorne beginnen.
OPERNWELT, Uwe Schweikert, 6/07
Alles in allem ein beeindruckender Leistungsnachweis des Osnabrücker Musiktheaters... |
Die Rache der Frauen
Die Musik verschwindet mitunter hinter Kay Kuntzes kraftvoller Regie.
Der findet jede Menge Chiffren, die dem Gemetzel auf der Bühne ihren
Blutrausch-Effekt nehmen, integriert geschickt Video-Einspielungen in den Einheitsraum und entwirft
spektakuläre Bilder - etwa wenn die Söhne der Gotenkönigin kopfüber an Fleischerhaken hängen.
Das Blut tropft derweil auf dem Schwarz-Weiß-Video im Hintergrund, bevor Titus sie als Pastete serviert.
NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG, Ralf Döring, 17.04.07
|
Endlose Gewaltspirale
Die Osnabrücker Uraufführung sicherte dem Werk ein überzeugendes Entree.
Die Spielfläche in der Mitte wurde seitlich von zwei hohen Podesten für den Chor begrenzt:
So entstand ein leicht oratorischer Eindruck, so wie bei Orffs Antikenstücken. Hier mischt sich
aber der sehr präsent wirkende Chor immer wieder auch aktiv ins Spiel ein, ist nicht nur Kommentar,
auch Akteur.
Die Inszenierung Kay Kuntzes sichert dem Werk so eine quasi antikische Darstellungsform, eine zwingende
Objektivität des Geschehens. Es ist immer wieder erstaunlich zu erfahren, mit wie viel Kompetenz in der
sogenannten Provinz agiert wird ... Bemerkenswert auch das Publikum: Es will scheinen, dass ein
engagiertes Musiktheater allmählich auch beim "normalen" Opernbesucher immer mehr Interesse findet.
FAZ, Gerhard Rohde, 25.4.07 + NMZ, Mai 2007
|
Die Mechanik des Grauens
Das ist beileibe kein archaisches Phänomen. Machtgier, Hass und Rache sind höchst aktuell.
Doch Regisseur Kay Kuntze tut gut daran, Shakespeare nicht plump ins Heute zu verlegen. Für die Entfaltung
menschlicher Grausamkeiten genügt ihm eine schlichte Freitreppe mit hohen Mauern, von denen der Chor die
Szene begleitet und kommentiert. Details wie die langen herabhängenden Tuchbahnen, einfache Kerzen und auch
sparsame Videoeinspielungen bereichern diese Inszenierung, die trotz aller Härte der Geschichte unglaublich
viel Sinnlichkeit verströmt.
WESTFÄLISCHE NACHRICHTEN, Chr. Schulte im Walde, 17.4.07 + DAS ORCHESTER, 06/2007
|
LAVINIA A.
Het was een goed idee van regisseur Kay Kuntze om de wreedheid nog te accentueren.
De gevechtscènes werden niet uitgevoerd door zangers maar door acteurs die precies weggelopen waren uit een
Amerikaanse gangsterfilm. Meerdere lijken werden ook nog gerecycleerd tot charcuterie en opgediend bij een
feestmaal ... Deze wereldcreatie, uitgevoerd zonder pauze, kende een groot succes bij de toeschouwers.
Niemand verliet de zaal voortijdig, iets wat vaak gebeurt bij moderne werken.
OPERA GAZET, W.V., 19.4.07
|
Moderne Oper "Lavinia A." in Osnabrück
Shakespeares blutiges Drama bietet einen beklemmenden Ausblick - nur der jüngste Sohn des Titus überlebt am Ende.
Eine Inszenierung, die das Gemetzel mit viel Blut über die Bühne brächte, wäre wohl nicht ohne Peinlichkeit.
Das vermeidet die Uraufführung des Osnabrücker Auftragswerks mit einem schlichten Bühnenbild, das aus einer
großen Treppe besteht. Heute schon fast alltägliche Gewalt repräsentieren in der ersten Szene zwei Jugendliche,
die sich immer wieder und immer brutaler gegenseitig umzubringen scheinen. Aktuelle Bezüge sind erwünscht,
denn eine Vernichtung, die in Selbstvernichtung gipfelt, hebe Gut und Böse auf. Besonders perfide:
Rache entfaltet sich in dem Stück immer über Gewalt an den Kindern des jeweiligen Gegners, nur in Sachen Härte
und Brutalität sind die Figuren auch kreativ.
In einer eindrucksvollen visionären Szene kommentiert eine Doppelgängerin Lavinias - gewissermaßen ihre Stimme -
das Geschehen. Eine Szene, die sicher selbst dem großen Shakespeare-Bewunderer Verdi gefallen hätte.
Das Publikum der Uraufführung am Sonntagabend in Osnabrück reagiert mit lang anhaltendem Beifall.
dpa, 18.04.07
|
Uraufführung in Osnabrück
Regisseur Kay Kuntze hat den Reigen aus Mord und Gewalt geschickt und geschmackvoll inszeniert.
Die Handlung war klar nachvollziehbar, und die Zumutungen an Brutalität hielten sich in Grenzen.
Für die vertonte Römer-Tragödie gab es im Theater Osnabrück anhaltenden Beifall - und nur wenige Buhrufe.
NORDWEST-ZEITUNG, Wolfgang Denker, 17.04.07
|
Das Böse im Spitzenkragen
Die Literaturoper ist wieder auf Erfolgskurs ... Freilich ist der Preis für Sieg und Beute hoch:
23 seiner 25 Söhne bleiben tot auf den Schlachtfeldern zurück. 23 Paar Stiefel stellt er auf die Stufen zum Capitol,
als er vor Senat und Volk der Hauptstadt erscheint ... Manche Schreck-Geste profiliert sich im Verlauf von neunzig
weithin atemlosen Minuten, die jetzt in Osnabrück uraufgeführt wurden ... Kay Kuntze hat im
Verbund mit dem Bühnenbildner Frank Michael Zeidler die Schlächtereien auf einer kahlen Treppe angesiedelt.
Die Kostüme lassen eine geografische und zeitliche Verortung des Geschehens, das halbwegs in die Jetztzeit
projiziert sein mag, nicht zu. So bleibt fraglich, ob sich die Intention der Produktion tatsächlich durchsetzt,
dass nämlich "die hochaktuellen politischen und philosophischen Aspekte dem Zuschauer und Zuhörer skelettiert
ins Auge springen".
TAZ, Frieder Renninghaus, 20.04.07
|
Lavinia A.
Kay Kuntze inszeniert das sperrige Werk einfallsreich auf den grauen Stufen einer ins Nirgendwo führenden Treppe.
Trotz der suboptimalen Vorlage prägen sich Karen Ferguson (Lavinia), Genadijus Bergorulko (Titus) und vor allem
Yoonki Baek (Aaron) nachhaltig ins Gedächtnis ein.
RHEINISCHER MERKUR, 26.4.07
|
Eine Tragödie der Gewalt
Doch bei "Lavinia A." ist es dann eher die Inszenierung, die in ihren Bann zieht, als die Musik selbst ...
Doch Regisseur Kay Kuntze gelingt, was die Musik weniger vermag: Seine Inszenierung berührt. Gewalt zeigt er eher
symbolisch. Mord etwa geschieht durch Brandmarkung mit schwarzer Farbe. Video-Einspielungen kommentieren das
Geschehen noch auf einer weiteren Ebene. Wie ein roter Faden ziehen sich Rache-Gelüste durch die Handlung,
und die Oper macht eindringlich deutlich, welch finstere Abgründe sich auftun, wenn die Bereitschaft und die
Fähigkeit zu Versöhnung fehlen. Ein sehenswerter Opernabend.
OLDENBURGISCHE VOLKSZEITUNG, Martina Binning, 21.4.07
|
Eine Tragödie der Gewalt
Die Bühne von Frank Michael Zeidler, von dem auch die gelungenen Videofilme stammen, bietet auf vorderen
breiten Stufen, seitwärtigen Emporen und Leinwand im Hintergrund genügend Fläche und Abwechslung für die
vorzügliche Personenführung durch Regisseur Kay Kuntze. - Im schwarz-weiss Film werden die Auftritte der
Protagonisten angekündigt, verschwommen schemenhaft; Blut fließt in Grautönen, zunächst in abstrakten Kürzeln,
klecksend und sich verbreiternd, hin bis zu großen Strömen. - Beim ersten Auftritt von Titus wird damit
begonnen, die 23 Paar Stiefel der gefallenen Söhne zusammen zu fegen und zu entsorgen. Die Morde werden
vorbereitet oder vollzogen mittels Markierungen der Gesichter durch dickes schwarzes Blut, das aus einem Kessel,
stehend auf den Stufen, stammt. Alles stimmig gemacht, einsichtbare Handlungen, treffende Metapher und Symbole,
einfache oder - für die Frauen - prächtige Gewänder (Kostüme Mathias Rümmler). - Eine beeindruckende, aufwendige
Leistung dieses "Provinztheaters". Das gut besetzte Haus, ergriffen wie bei der Revue einer antiken Tragödie,
dankte mit lang anhaltendem Beifall, der sechs Vorhänge forderte.
DER NEUE MERKER, Ulrich Springsguth, 4.5.07
|