Scharlatan

Oper von Pavel Haas (Deutsche Erstaufführung)

Premiere im Theater Gera: 6.3.2009
Liveübertragung der Premiere durch DeutschlandradioKultur und MDR-Figaro Theater der Stadt Gera


Premiere im Landestheater Altenburg: 8.11.09
weitere Vorstellungen: 15.11.09, 18.2.10

Musikalische Leitung: Jens Troester
Inszenierung: Kay Kuntze
Bühnenbild und Kostüme: Duncan Hayler
Dramaturgie: Tobias Wolff
Chöre: Berhard Ott
Mit: Andreas Scheibner, Kathrin Strocka, Franziska Rauch, Kai Wefer u.v.a.

Karten: 0365-8279105, kasse@tpthueringen.de oder hier


im Jahresheft Opernwelt 2009 nominiert für die beste "Ausgrabungs-Produktion" des Jahres


Fotos


Pavel Haas wurde am 21. Juni 1899 als Kind einer tschechisch-jüdischen Kaufmannsfamilie in der mährischen Metropole Brünn geboren. 1919 nahm er ein Musikstudium am Brünner Konservatorium auf, wo er unter anderem von Leos Janacek unterrichtet wurde. Der Einfluss des Lehrers ist unüberhörbar, genauso wie die Einflüsse von den neoklassizistischen Techniken Strawinskys, des Jazz oder der tschechischen Volks- und jüdischen Synagogalmusik. Neben zahlreichen Kammermusikwerken hatte Haas bereits eine Vielzahl von Film- und Bühnenmusiken geschaffen, als er zwischen 1934 und 1937 seine Oper "Scharlatan" komponierte. 1937 wurde die Eisenbart-Geschichte mit großem Erfolg in Brünn uraufgeführt, musste allerdings nach dem Münchner Abkommen 1938 vom Spielplan genommen werden. Die Instrumentierung für eine 1940 begonnene Sinfonie konnte Haas wegen der Deportation nach Theresienstadt nicht mehr beenden. In Theresienstadt komponierte Haas bis Oktober 1944 mindestens acht weitere Werke. Gemeinsam mit den Komponisten Hans Krása und Viktor Ullmann wurde Pavel Haas am 16. Oktober 1944 nach Auschwitz deportiert und dort in den Gaskammern umgebracht.
Seine Oper "Scharlatan" wurde erstmals wieder im Jahr 1999 beim Opernfestival im irischen Wexford aufgeführt. Theater&Philharmonie Thüringen präsentiert die Deutsche Erstaufführung des Werkes.


Eisenbart ist ein fahrender Quacksalber. Zusammen mit seiner zickigen Ehefrau Rosina und einer Gruppe von Gauklern zieht er über die Lande. Eines Tages kuriert Eisenbart eine Professorengattin mit einem bewährten Heilmittel. Sie verlässt daraufhin ihren langweiligen Ehemann und schließt sich der fahrenden Truppe an. Die zweite Frau verursacht erhebliches Aufsehen... Mittlerweile hat Eisenbart sich den Ruf eines Wunderheilers erarbeitet, selbst der König nennt ihn den größten Mann seiner Zeit. Doch Eisenbart weiß um die Endlichkeit des Erfolges. Als ein kranker Mönch unter seinem Skalpell stirbt und die Leute ihn des Mordes verdächtigen, gibt er sich auf und stirbt als verkanntes Genie inmitten seiner Gaukler.


Franziska Rauch, Andreas Scheibner, Kathrin Strocka, James Wood

Opernoperation gelungen
In deutscher Erstaufführung haben die erstaunlich experimentierfreudigen Bühnen der Stadt Gera Pavel Haas´ Opernerstling zu neuem knalligen, aberwitzigen Leben verholfen. Der Mut zu dieser Inszenierung (Kay Kuntze) als riskanter Gratwanderung zwischen reinem Spaß an diesem grotesken Stoff und tiefem Respekt, mit welchem dem 1944 im Konzentrationslager Auschwitz ermordeten mährischen Komponisten zu begegnen ist, verdient ebenso Bewunderung wie die strikt in Venenblau und Aortenrot gehaltene Umsetzung der tatsächlich im 17. Jahrhundert im Herzogtum Sachsen-Gotha-Altenburg wirkenden Chirurgenlegende Dr. Eisenbart. Nicht von ungefähr erinnern Teile der im Wortsinn phantastischen Bühnenausstattung (Duncan Hayler) an jenen Rummel, den zu Beginn unseres Jahrhunderts die plastifizierten Körperwelten beim Publikum auslösten. Trotz Eisenbarts monomaner Selbstinszenierung wird es keine Sekunde langweilig. Das liegt am Tross der Gaukler, Artisten und Akrobaten, der seinem Chef und neuzeitlichen Marketing-Genie vorauseilt und den eine intelligente Personenregie unter fortwährend sinnvoller Beschäftigung hält.
So nachhaltig das brennende Sensenrad als Todesbringer in Erinnerung bleiben wird: Jener obskure Moment der Operation, in dem das Bühnengeschehen innehält und zunächst wunderlich heilsame musikalische Kräfte frei werden, jenes infarktische Pulsen und orchestrale Zucken, optisch gestützt vom langsam erlöschenden Herz-Hirn-Organismus macht mitfühlenden Zeitgenossen Gänsehaut. Pavel Haas, Schüler Leoš Janáceks, hat zu einem eigenständigen musikalischen Ausdruck gefunden. Er hatte keine Chance. Diese bittere Wahrheit teilt sich in Gera mit. Das Publikum ist berührt und begeistert.
THÜRINGER LANDESZEITUNG, Evi Baumeister, 8.03.09

Die Hoffnung stirbt zuletzt
Regisseur Kay Kuntze, als Chef der Berliner Kammeroper ein Spezialist für nie oder selten Gehörtes, deutet eine Parallele zwischen der Zeit des Autors und der seiner Figur an. Schließlich blieb die Pogromstimmung, der sich Pavel Haas ausgesetzt sah, nicht ohne Einfluss auf das Libretto. Es ist kaum Zufall, dass in der Oper die Zuversicht Eisenbarts genau in jenem Moment in Resignation umschlägt, als ein Müller durch einen Mob ermordet und seine Mühle niedergebrannt wird. Kuntze und sein Bühnenbildner Duncan Hayler wählen als Hintergrund ein riesiges Hakenkreuz, das sich wie eine Turbine dreht. Die Klingen einer Sense (das Todessymbol der Barockzeit) bilden die Haken. Kein sonderlich subtiles Bild, aber eines, das eine Klammer um disparate Elemente zwingt. Ohne dieses Bild würde einzig die Figur des Eisenbart, detailreich gespielt und kultiviert gesungen vom Dresdner Bariton Andreas Scheibner, in der zerfasernden Handlung und unklaren Personage für Einheit sorgen. Haas war, als er seine einzige Oper schrieb, noch kein erfahrener Musikdramatiker, obwohl er von seinem Lehrer Janácek viel gelernt hatte. Kuntzes Arbeit in Gera beschränkt sich aufs Sortieren und Pointieren. Doch mit der liebevoll-skurrilen Zeichnung der Gauklertruppe, der Gestaltung der Bühne als menschlichem Körper sowie einer dramaturgischen Dynamisierung von Eisenbarts Niedergang und Tragik im zweiten Teil bezieht der Regisseur auch einen eigenen Standpunkt. Mit viel Witz, Pragmatismus und wenig Geld hat das Theater Gera es geschafft, „Scharlatan“ für weitere Produktionen zu empfehlen.
OPERNWELT, Matthias Nöther, 5/09

Opernoperation geglückt
Kuntze entwickelt aus einem nicht unbedingt stringenten Plot eine überaus bewegende Geschichte über Größenwahn und Selbstzweifel, und über das für (wissenschaftlichen) Fortschritt und Erkenntnis so notwendige Scheitern, über Selbststilisierung und -vernichtung. Duncan Hayler baut ihm dafür ein assoziationsreiches Bühnenbild. Der Kosmos einer sehr unmittelbar ansprechenden Ästhetik schließt sich. Gewagtes ist immer in einem schlüssigen Konzept begründet, und selten ist man in der Oper so am Geschehen, obwohl das Libretto dem Eisenbart weder eine genregemäße Liebesgeschichte noch einen personifizierten Antipoden beschert. Kuntze entwickelt beides schlagend aus der Figur selbst heraus. Alle bewältigen Schwieriges mit ansprechender Lockerheit und arbeiten an einem stimmigen Bild für Auge und Ohr. Mit einem verhältnismäßig kleinen Chor entstehen erstaunliche Massenszenen. Ein musikalisch überaus expressives, originelles Werk, mit einem sicher nicht ganz so starken Libretto, in einer in jeder Hinsicht gelungenen Produktion: zu unrecht vergessen; zu recht ausgegraben und völlig berechtigt bejubelt.
OSTTHÜRINGER ZEITUNG, Dr. Tatjana Mehner 8.03.09

Scharlatan
Die aufwendige Inszenierung von Kay Kuntze mit beeindruckenden Bühnenbildern – für sie und die in die Zeit passenden Kostüme zeichnete Duncan Hayler verantwortlich – sparte auch nicht mit Anspielungen auf die Tragödie des Komponisten Pavel Haas durch die Nazi-Herrschaft: so „zierte“ die Rückseite des roten Umhangs Eisenbarts ein großer Judenstern und die Flügel der Mühle ähnelten einem Hakenkreuz. Ausgezeichnet choreographiert waren die Gaukler- und Massenszenen, in denen der Regisseur für Tempo, aber auch für folkloristische Stimmung sorgte. Beklemmend der 3. Akt mit der Operation des Mönchs – im Hintergrund der Bühne leuchten die Blut- und Nervenbahnen im Takt der Musik auf, bis sie schließlich verglühen – und der Szene, in dem der Pöbel gegen Eisenbart aufgehetzt wird sowie die Schlussszene in der Dorschenke mit dem Tod Eisenbarts.
Jubel, Bravorufe und lang anhaltender Applaus für das Gelingen dieser wieder entdeckten Oper.
DER NEUE MERKER, Udo Pacold, 21.04.09

Blau-roter Doktor Eisenbart
Regisseur Kay Kuntze erzählt die Geschichte schnörkellos klar, ohne zu stark abstrahierende Regie-Kapriolen. Kuntze inszeniert ein blau-rot dominiertes farbiges Jahrmarksspektakel mit ins Surreale gehenden Bildern, Zwitterwesen, offenen Leibern mit allerlei Gedärm, Riesenschlangen, Totenköpfen – ein Kabinett, das an Gemälde der Hieronymos-Bosch-Schule denken lässt.
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, Elisabeth Richter 25.03.09

Akrobatischer Bilderbogen und quirlige Musik
Das Spannende ist, inwieweit sich der Zuschauer auf diese in vielem rätselhaft bleibende Welt einlässt, wie tief ihn die Parallelen zum Hier und Heute bewegen. Das Auseinanderklaffen von Sein und Schein, Wollen und Können wie der jäh aufflammende Volkszorn, wenn's einmal nicht klappt, sind ja allgegenwärtig. In Gera gab es am Ende lang anhaltenden begeisterten Beifall. Kay Kuntze hat eine quirlige, dem lebhaften Puls der Musik wie angegossen passende Inszenierung hingelegt
FREIE PRESSE, Volker Müller 10.03.09

Heimatklänge? Heimatklänge!
Das bis in kleinsten Nebenrollen hervorragende Ensemble gibt ein geschlossen gutes Bild ab. Die Inszenierung ist ein bunter Bilderbogen des barocken Lebens. Haylers Ausstattung ist plakativ und bis auf zwei Ausnahmen stets stilsicher. Die beiden Ausnahmen sind sicherlich ein Hinweis auf das traurige Schicksal des Komponisten, einmal der goldene Davidstern auf dem Mantel Eisenbarths und dann die Flügel der Mühle im zweiten Akt, ein stilisiertes Hakenkreuz, mit Klingen als Querbalken. Kay Kuntze führt sein Ensemble flott, aber präzise durch die Oper. Seine Personenführung gibt dem Ensemble Raum zur Entfaltung, seine Soziogramme sind eindeutig, die Beziehungen der Einzelnen untereinander werden glasklar gezeichnet. Für mich war die Wiederentdeckung dieses Werkes einer der Höhepunkte dieser Saison. Für diese Inszenierung gebührt neben dem überragenden Ensemble, dem Regieteam, dem Chor und dem Orchester, auch der Intendanz Dank für den Mut, dieses unbekannte Stück auf den Spielplan zu stellen.
DER NEUE MERKER, Alexander Hauer, 10.03.09

Scharlatan
Pavel Haas einzige Oper verliert in dieser deutschen Erstaufführung nichts von ihrer politisch-geschichtlichen vorahnenden Stimmung. Die Sensenmühle erinnert auffällig an ein Hakenkreuz. Musikalisch wird der Hörer allerdings in eine Mischung aus mittelalterliche Jahrmarksmusik, Jazzklängen und Expressionismus der 30er Jahre hineingezogen. Die Inszenierung überzeugt durch ihrer intelligente Figurenregie in Zusammenspiel mit der phantasievollen Ausstattung und entläßt den Besucher mit einem Gefühl der Begeisterung.
OPERAPOINT, Josephin Wietschel

Scharlatan
Die Zuschauer werden Zeugen des Wirkens einer magischen Figur, deren Heilkraft sich im Rahmen einschlägiger Formen des Entertainments einer zunehmend aufgeklärten Zeit entfaltete. Kay Kuntzes Inszenierung folgt ungebrochen dem Plot und funktioniert 1 : 1 in Rhythmus und Tempo der Musik. Andreas Scheibner bestreitet den keineswegs durchgängig positiven Helden mit distinguiertem Bariton und einem höchst passenden Zug zu subtiler Dekadenz: Die Lebenskämpfe, die Triumphzüge eines eigenwilligen Pioniers des medizinischen Fortschritts durch Thüringen, Sachsen oder Preußen, sein nicht ungefährdetes Leben mit dem fahrenden Volk und den Alkoholmißbrauch. Auf die Phase des schnell in die Kasse gespülten Reichtums eines Quacksalbers, der sich auf den Marktplätzen glänzend zu vermarkten wußte, folgt der Niedergang.
In Gera wurde das alles mit großer Sorgfalt aufbereitet und ist – bei aller Zeitbedingtheit des Werks – durchaus ansehnlich.
DEUTSCHLANDFUNK/ Kultur heute, Frieder Reininghaus 7.3. 2009

Genialer Wundertäter – oder fieser Scharlatan?
Kay Kuntze setzt den Scharlatan, diese illustre Mischung aus Märchen, Moritat und wahrer Begebenheit als Deutsche Erstaufführung neu in Szene: viel Wirbel herrscht stets auch auf der Bühne, die Duncan Hayler fantasievoll ausstattet. Behutsam deutet sich das Schicksal des Komponisten an, wenn die Räder der Mühle, vor der Eisenbart und seine Mannen rasten, die Form eines rotierenden Hakenkreuzes annehmen, das kurz darauf zu brennen beginnt. Ansonsten gibt’s grellbunte Kostüme und mitunter drastische Szenen, etwa dort, wo sich eifersüchtige Frauen in Eisenbarts Sezierraum einen Kampf um noch blutige, gerade erst entnommene Organe liefern. Pralles, dralles Leben halt! Alles in allem eine lohnende Ausgrabung!
OPERNNETZ, Christoph Schulte im Walde

Hereinspaziert, operiert
Auch wenn bei Regisseur Kay Kuntze und Ausstatter Duncan Haylers oppuleneter Inszenierung der Bezug zur Entstehungszeit (mit Hakenkreuz und Judenstern) nur Behauptung bleibt, folgen sie kurzweilig dem Episodenhaften – mit einer Melange aus barockem Jahrmarktstreiben und einer Revue der Körper mit überdimensionalen anatomischen Details (etwa Köpfe und Füße). Eingebettet wird das Ganze in einen nachtdunkel dräuenden Bühnenkasten. Die Einwände verblassen indes vor dem historischen Verdienst der Produktion, die viel berechtigten Beifall erhielt.
WIENER ZEITUNG, Joachim Lange, 11.3.09

Oper «Scharlatan» feierte Erstaufführung
Vom Publikum wurde die kurzweilige Inszenierung des Regisseurs Kay Kuntze mit begeistertem Applaus aufgenommen. Der Erfolg dürfte wohl auch dem ausgeklügelten, eindrucksvollen Bühnenbild sowie den fantasievollen, clownesken Kostümen von Duncan Hayler zu verdanken sein.
Zugleich hat Kuntze szenische Hinweise auf das Schicksal des Komponisten installiert. Im zweiten Aufzug dreht sich ein riesiges Mühlrad in Form eines Hakenkreuzes, das zugleich an das Werkzeug des Sensenmannes erinnert. Damit wird nicht nur auf die schwierige Zeit, in der die Oper entstand, und den Tod des Komponisten in den Gaskammern von Auschwitz erinnert, sondern auch das Ende von Dr. Eisenbart antizipiert.
dpa, Andreas Hummel, 8.03.09

Opfer der Barbarei
Kay Kuntze (Regie) und Duncan Hayler (Ausstattung) nutzten Haas' farbenreiches Werk für ein opulentes Bühnenspektakel, das dennoch mit sparsam gestalteten Bildern auskommt. Besonders starken Eindruck erweckte ein Bild zu Beginn des zweiten Aktes. Es wird von einem sich langsam drehenden Mühlrad geprägt, das bedrohend wie ein Hakenkreuz wirkt. Der Gesamteindruck ist stark und nachhaltig, und die Besucher zeigen sich beeindruckt. Der Mut des Theaters Altenburg/ Gera wird belohnt.
NEUES DEUTSCHLAND, Werner Wolf, 14.5.09