A Gentle Spirit | The Bear

Zwei russische Dichter, zwei britische Komponisten, zwei Ehen, zwei Tote - ZWEI OPERN

A GENTLE SPIRIT - an opera in one act
Musik: John Tavener, Libretto: Gerard McLarnon nach Dostojewski

THE BEAR - an extravaganza in one act
Musik: William Walton, Libretto: Paul Dehn, William Walton nach Tchechow

ML: Brynmor Jones, I: Kay Kuntze, B+K: Benita Roth
Premiere: 17. Mai 2006, Berliner Kammeroper

Fotos


Sinn fürs Machbare

Exemplarisch für diese geerdete Neugier steht nicht zuletzt das jüngste Programm, die Kombination zweier englischer Raritäten: John Taveners von Dostojewski adaptierter Tenor-Monolog "A Gentle Spirit" (1976) trifft , inhaltlich wie dramaturgisch höchst plausibel auf William Waltons durch Tschechow inspirierte Extravaganz "The BEAR" (1967) In beiden Einaktern geht es um Leben nach dem Tod ... Kay Kuntze und seine Ausstatterin Benita Roth erzählen die schauerlich-schrägen Geschichten mit feinem Gespür für die Exentrik des handelnden Personals...
OPERNWELT, Juli 2006

Die lästige Witwe

Die Regie von Kay Kuntze macht gar nicht erst den Versuch, die Stücke aufeinander zu beziehen, sondern zeichnet Taveners Abstraktionstendenz mit minimalistischem Bühnenbild nach, um sich umso üppiger auf Waltons Realismus zu werfen: Rote Decken, Kerzen und schwerer Weihrauchduft versetzen sofort in eine Atmosphäre schwüler Regungslosigkeit, wie sie zu Beginn im Trauerhaus der Witwe herrscht. Und diese schlagend charakterisierende Präzision bestimmt auch die Personenregie, deren Beweglichkeit und Einfallsreichtum vor allem bei "The Bear" großartig ist ...
Bei A GENTLE SPRIRIT ... wunderbar der Einfall zu Beginn, das Mädchen, wenn es Dinge beim Pfandleiher versetzt, gerade mal so über den Tresen reichen zu lassen: Sie springt hoch, wirft sich mit dem Oberkörper darauf, streckt die Arme, ein Bild der Verzweiflung und der Verzagtheit von seltener Kraft ... Für die Produktion wurden Sänger von beeindruckender Gestaltungsfähigkeit verpflichtet, vor allem Silje Johnsen als Mädchen und Martin Kronthaler als Smirnow und Hans Gröning als Diener der Witwe seien genannt.
BERLINER ZEITUNG, 20.5.06

Liebe und Tod auf englisch und russisch

…eine außerordentlich erfolgreiche Premiere… THE BEAR feierte Auferstehung in einer köstlichen, mit englischer Ironie gespickten Inszenierung mit engagiert agierenden Künstlern … An der musikalischen wie szenischen Umsetzung hat man seine helle Freude. Diese Wirkung ist sowohl dem Regisseur als auch seinen engagierten Interpreten zu verdanken. Wie sich die Witwe Popova nach Kräften bemüht, ihrem Gatten über den Tod hinaus treu zu bleiben, ist ein Kabinettstück … Kay Kuntze hat dazu mit einem minimalistischen Bühnenbild mit roten Decken und Kerzen eine stimmige Atmosphäre geschaffen und zugleich mit einer hervorragenden Personenregie voller Beweglichkeit und Einfallsreichtum für Spaß gesorgt, aber ebenso Anstöße zum Nachdenken gegeben.
A GENTLE SPIRIT hingegen ist düster-eindringlich und wirkt beklemmend (…) in seiner konzentrierten Personenführung … Diese beiden Einakter sind ein außergewöhnlich gelungener Beitrag zum Jubiläum der Berliner Kammeroper ORPHEUS, September 2006



Schräger Schauder

Operneinakter sind in der Regel nicht abendfüllend, dazu bestimmt, mit anderen verkuppelt zu werden. Selten wirkt das so überzeugend wie bei dem schrägen Paar, das Kay Kuntze mit der Berliner Kammeroper im Saalbau Neukölln auf die Bühne bringt.
DER TAGESSPIEGEL, 21.5.06


Albtraum und Buffo-Klamotte im Saalbau

... Die Berliner Kammeroper inszeniert "A Gentle Spirit" (Die Sanfte) düster und eindringlich, Bühne und Bühnengeschehen wirken beklemmend wie ein Albtraum. Zum Schluß aber gibt es eine szenisch wunderbar realisierte, beinahe überirdische Auflösung - oder besser: Erlösung - des Konflikts einer jungen Frau, die ihr Herz einem unwürdigen Pfandleiher vor die Füße wirft und von diesem nicht einmal geliebt wird. Tavener trat 1976 der griechisch-orthodoxen Kirche bei, aber "A Gentle Spirit" predigt noch nicht die neue liturgische Einfachheit, sondern arbeitet mit starken Kontrasten; schrille Schönheit und in den Baßregistern wütende Ausbrüche stehen blockartig nebeneinander. Die Sänger, Silje Johnsen und Matthias Aeberhard, geben ihren schwierigen Partien sowohl Stimme wie Gesicht. Auch William Waltons "The Bear" (Der Bär) von 1967 hat Kay Kuntze inszeniert, eine Buffo-Klamotte in Vollendung. Benita Roths Bühnenbild und Kostüme sind originell, und die sängerischen Aktionen von Mary Lloyd-Davies, Hans Gröning und Martin Kronthaler verwandeln Tschechows Einakter in ein Opernparadies en miniature ... Unwiderstehlich!
BERLINER MORGENPOST, 21.5.06


Untrügliches Gespür für Opernraritäten
Wie eine Ertrinkende, die mit Müh und Not den Beckenrand erreicht, taucht die junge Frau am Tresen des Leihhauses auf. Sie rutscht ab, verschwindet wieder. findet schließlich Halt mit letzter Not und bietet ihren Schal für einige Rubel an ... Jetzt ist sie dem Mann ausgeliefert und wird schließlich mit dem Leben bezahlen. Ganz anders ...liegt der Fall in "The Bear". Hier ist der Gatte längst unter der Erde, die Witwe ergeht sich in Trauerkult ...
Zwei grundverschiedene Kammeropern britischer Komponisten hat die Berliner Kammeroper zur Premiere gebracht und damit erneut bewiesen, dass Britannien zu Unrecht als "Insel ohne Gesang" verspottet wird ... In Kay Kuntzes Inszenierung liegt die Tote bereits vor Beginn des Spiels verrenkt am Bühnenrand, wird zum Anlass zur Reflexionen des neurotischen Pfandleihers. Sie ist ein Wesen aus einer anderen Welt, eine Schwseter Undines vielleicht, die auf festem Boden nur unter Schmerzen laufen kann ... In William Waltons sich anschließender Komödie hat Bühnen- und Kostümbildnerin Benita Roth einen Salon gestaltet, in dem während einer langen Ehe so manches unter den Teppich gekehrt wurde. Der wellt sich inzwischen in einer wilden Berg- und Tallandschaft: Hier thront die üppige Witwe, tyrannisiert ihren Diener und betrauert die Urne ihres untreuen Gatten. Mary Lloyd-Davies bringt die burschikose Heuchlerin mit ungeheurem komödiantischem Geschick über die Bühne, hat ein untrügliches Gespür für witzige Wirkungen, wenn sie sich mit dem Gutsnachbarn gleich im Wohnzimmer duellieren will und ist für den Provinzmacho mit weichem Herzen nur schwer zu knacken. Zwischendurch hängt der Diener vor lauter Angst schon mal im Kronleuchter oder robbt durch die Teppichlandschaft, um die Urne des teuren Verblichenen zu retten. Mit leichter Hand uns großer Präzision scheut Kay Kuntze hier auch vor Scherzen der gröberen Art nicht zurück ... Mit diesen beiden Werken bereichert die Berliner Kammeroper auch im 25.Jahr ihres Bestehens den Berliner Opernspielplan mit äußerst sehenswerten Raritäten.
MÄRKISCHE ODERZEITUNG, 20.5.06