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Stallerhof
Oper von Gerd Kühr, Libretto: Franz Xaver Kroetz ML: Brynmor Jones, I: Kay Kuntze, B+K: Andreas Bartsch Fotos |
Alpine Außenseiterparabel
Die obszöne Direktheit, mit der Kay Kuntze das bittere Krötzsche
Sozialdrama inszeniert, macht so manchen Zuschauer verlegen. Die Schamlosigkeit
mit der Defäkation, Onanie, Unterwäschengegrapsche und schließlich
rüde Vergewaltigung auf offener Bühne gezeigt werden, verleihen dem Abend
etwas verstörend Voyeuristisches, ja Beklemmendes. Auch wenn die Berliner
Erstaufführung des "Stallerhof" nie ins Peinliche abgleitet, weil der Regisseur
den sozialen Realismus ins Rituelle überhöht, wird die Schamgrenze mehr
als einmal überschritten. (...) Auch wenn die Szenenanweisung des Krötz-Stücks
zugunsten einer konsequenten Verfremdung inszenatorisch ignoriert werden, überzeugt
die ernste Inszenierung. (...)
OPERNWELT, Januar 99
Eine beachtliche Produktion. |
Stallerhof
...und Kay Kuntze läßt diese Vorgänge so kraß ausspielen, wie der
Autor das fordert. Aber er strebt gleichzeitig nach bildhafter Überhöhung.
Besonders bei den Abtreibungsvorbereitungen, bei denen die nackte Beppi wie zu einer
heidnischen Opfer-Zeremonie hergerichtet wird, wächst er über den konkreten
Vorgang hinaus und bekommt großes tragisches Format. Am Ende hat die unspektakulär-
intensive Aufführung die Zuschauer mit ihren beredten Mitteln total in ihren
Bann gezogen. Ausgezeichnet, weil bewegend und imponierend!
RADIO KULTUR, 26.11.98
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Stallerhof
Und auf der zum sauberen Unort gestylten Bühne ereignet sich geradezu Sensationelles.
Frieder Stricker und Barbara Schramm können als Staller-Bauern das Kleinbürgerliche
und Gemeine nicht nur darstellen, sondern auch in spröden Gesangspartien plausibel
machen. John Sweeney ist ein zugleich einfältiger und hinterhältiger Knecht.
Michaela Casper ist eine Beppi, wie sie besser wohl nicht darzustellen ist. Die junge
Schauspielerin stakst als debiles, stotterndes Mädchen und verleiht mit kindlich
naivem Gesang dem schauerlichen Geschehen trotzige Würde. (...) Dann, irgendwann
während alle in die Glotze starren, bekommt Beppi die Wehen und Kay Kuntzes grandiose
Inszenierung endet mit dem lauten Schrei nach einem neuen, anderen, besseren Leben.
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Schweigen macht schwanger
Kay Kuntze hat die Herausforderung angenommen, hat mit den Darstellern intensiv an
der Körpersprache der Figuren gearbeitet: Mit hängenden Schultern ungelenken
Schritten und schlackernden Armen spielt Michaela Casper die Beppi, ohne sie zu
denunzieren: Unverformt von jedweder Erziehung zur Gesellschaftsfähigkeit stakst
sie durch ihr trauriges Leben, entwickelt eine langsam tierische Abhängigkeit
Sepp gegenüber, der sie vergewaltigt, weil er anders seinen Gefühlen keinen
Ausdruck zu geben vermag. Auch John Sweeney verkörpert den bäuerische Hilfsarbeiter
höchst glaubwürdig, wenn er mit falschgeknöpftem Jackett auf leerer
Bühne dasteht und peinlich verlegen die Hände knetet.
DER TAGESSPIEGEL, 28.11.98
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Das Bemühen um Sauberkeit
In Kay Kuntzes Inszenierung wirkt der "Stallerhof" zuweilen wie die abgeschiedene
Enklave eines dogmatischen, lange vergangenen Christenstaates. Aber nicht nur durch
das gespenstische, intelligent konstruierte Bühnenbild (Andreas Bartsch) wird
spürbar, daß die Geschichte doch nur das Muster ist für Strukturen,
die es auch immer wieder nebenan gibt. (...) Musik und Theater im vollen Gleichgewicht.
Eben Musiktheater. Und darin, in der Aufnahme der gesamten Errungenschaften des
Sprechtheaters ohne Preisgabe der Musik, und nicht nur in einer statischen Edelstimmkultur
dürfte ein Zukunftsweg der Oper liegen.
BERLINER ZEITUNG, 28.11.98
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