Stallerhof

Oper von Gerd Kühr, Libretto: Franz Xaver Kroetz

ML: Brynmor Jones, I: Kay Kuntze, B+K: Andreas Bartsch
Premiere: 25.11.1998, BERLINER KAMMEROPER im Hebbel-Theater

Fotos

 
Michaela Casper, Barbara Schramm Alpine Außenseiterparabel
Die obszöne Direktheit, mit der Kay Kuntze das bittere Krötzsche Sozialdrama inszeniert, macht so manchen Zuschauer verlegen. Die Schamlosigkeit mit der Defäkation, Onanie, Unterwäschengegrapsche und schließlich rüde Vergewaltigung auf offener Bühne gezeigt werden, verleihen dem Abend etwas verstörend Voyeuristisches, ja Beklemmendes. Auch wenn die Berliner Erstaufführung des "Stallerhof" nie ins Peinliche abgleitet, weil der Regisseur den sozialen Realismus ins Rituelle überhöht, wird die Schamgrenze mehr als einmal überschritten. (...) Auch wenn die Szenenanweisung des Krötz-Stücks zugunsten einer konsequenten Verfremdung inszenatorisch ignoriert werden, überzeugt die ernste Inszenierung. (...)
Eine beachtliche Produktion.
OPERNWELT, Januar 99
 
Michaela Casper, Barbara Schramm Stallerhof
...und Kay Kuntze läßt diese Vorgänge so kraß ausspielen, wie der Autor das fordert. Aber er strebt gleichzeitig nach bildhafter Überhöhung. Besonders bei den Abtreibungsvorbereitungen, bei denen die nackte Beppi wie zu einer heidnischen Opfer-Zeremonie hergerichtet wird, wächst er über den konkreten Vorgang hinaus und bekommt großes tragisches Format. Am Ende hat die unspektakulär- intensive Aufführung die Zuschauer mit ihren beredten Mitteln total in ihren Bann gezogen. Ausgezeichnet, weil bewegend und imponierend!
RADIO KULTUR, 26.11.98
 
Stallerhof
Michaela Casper, Barbara Schramm Und auf der zum sauberen Unort gestylten Bühne ereignet sich geradezu Sensationelles. Frieder Stricker und Barbara Schramm können als Staller-Bauern das Kleinbürgerliche und Gemeine nicht nur darstellen, sondern auch in spröden Gesangspartien plausibel machen. John Sweeney ist ein zugleich einfältiger und hinterhältiger Knecht. Michaela Casper ist eine Beppi, wie sie besser wohl nicht darzustellen ist. Die junge Schauspielerin stakst als debiles, stotterndes Mädchen und verleiht mit kindlich naivem Gesang dem schauerlichen Geschehen trotzige Würde. (...) Dann, irgendwann während alle in die Glotze starren, bekommt Beppi die Wehen und Kay Kuntzes grandiose Inszenierung endet mit dem lauten Schrei nach einem neuen, anderen, besseren Leben.
SFB 3, GALERIE DES THEATERS, 29.11.98
 
John Sweeney, Michaela CasperSchweigen macht schwanger
Kay Kuntze hat die Herausforderung angenommen, hat mit den Darstellern intensiv an der Körpersprache der Figuren gearbeitet: Mit hängenden Schultern ungelenken Schritten und schlackernden Armen spielt Michaela Casper die Beppi, ohne sie zu denunzieren: Unverformt von jedweder Erziehung zur Gesellschaftsfähigkeit stakst sie durch ihr trauriges Leben, entwickelt eine langsam tierische Abhängigkeit Sepp gegenüber, der sie vergewaltigt, weil er anders seinen Gefühlen keinen Ausdruck zu geben vermag. Auch John Sweeney verkörpert den bäuerische Hilfsarbeiter höchst glaubwürdig, wenn er mit falschgeknöpftem Jackett auf leerer Bühne dasteht und peinlich verlegen die Hände knetet.
DER TAGESSPIEGEL, 28.11.98
 
John Sweeney Das Bemühen um Sauberkeit
In Kay Kuntzes Inszenierung wirkt der "Stallerhof" zuweilen wie die abgeschiedene Enklave eines dogmatischen, lange vergangenen Christenstaates. Aber nicht nur durch das gespenstische, intelligent konstruierte Bühnenbild (Andreas Bartsch) wird spürbar, daß die Geschichte doch nur das Muster ist für Strukturen, die es auch immer wieder nebenan gibt. (...) Musik und Theater im vollen Gleichgewicht. Eben Musiktheater. Und darin, in der Aufnahme der gesamten Errungenschaften des Sprechtheaters ohne Preisgabe der Musik, und nicht nur in einer statischen Edelstimmkultur dürfte ein Zukunftsweg der Oper liegen.
BERLINER ZEITUNG, 28.11.98