|
Tannhäuser
Romantische Oper von Richard Wagner Mit: Stefan Vinke / John Treleaven, Stephanie Friede, Alexander Marco-Buhrmester u.v.a. Premiere: 11.7.2008, Eutiner Festspiele Fotos |
|
Sängerkrieg mit Hochspannung
Oft hat der Rezensent Tannhäuser langweilig und sängerisch durchschnittlich erlebt - auch in Bayreuth.
Bislang stand Harry Kupfers legendäre Hamburger Inszenierung an der Spitze der positiven Eindrücke.
Nun teilt sie sich den ersten Platz mit der Inszenierung zur Eröffnung der 58. Eutiner Festspiele: Die ist vergleichsweise
sensationell.
KIELER NACHRICHTEN, 14. Juli 08Erster Pluspunkt: Die Regie von Kay Kuntze, der die Handlung psychologisch entwickelt. Er wagt es, auf die optischen Reize des Venusbergs zu verzichten. Er lässt Tannhäuser sich in den Fängen der Sirenen verstricken, die einem riesigen Flügel entsteigen, während Venus unsichtbar aus der Tiefe des Orchestergrabens lockt. Je weiter die Dunkelheit fortschreitet, umso mehr fokussiert sich das Geschehen auf den Widerstreit von Wollust und reiner Liebe - Tannhäuser zwischen Venus und Elisabeth. Es wird immer spannender, es geht um des Menschen Herz.Wenn die Jagdgesellschaft die Strecke ausweidet, steht solche Rohheit im Gegensatz zu Elisabeths Überschwang, die wiederum in ihren Emotionen hin- und hergerissen ist: So entwaffnend offen Stephanie Friede auftritt, wird sie zum leuchtenden Abendstern, dem Wolfram am Ende zum Frieden verhilft, während er Tannhäuser die Leviten liest: Kuntze bringt eigene Lesarten in die Oper, die sie fern aller Historisierung so menschlich und aufregend machen. Die Premiere war nicht ausverkauft. Was aber soll man Opernfreunden besseres bieten als diesen Tannhäuser-Triumph? Das Niveau der Aufführung legt die Messlatte für den designierten Intendanten sehr hoch. Vom Grauen der Spaßgesellschaft
Mit Richard Wagners "Tannhäuser" ist Kay Kuntze die spannende Inszenierung gelungen, die die Festspiele dringend brauchen.
... Es geht erstaunlich gut, gerade weil Regisseur Kay Kuntze sich darauf besonnen hat, dass er es mit einer Freilichtbühne zu tun hat.
Die Inszenierung ist bildmächtig und bezieht die Umgebung mit ein ... Er verlegt den Venusberg in den Kopf Tannhäusers,
Frau Venus singt aus dem Graben, die Gestalten auf der Bühne sind die Dämonen des Heinrich Tannhäuser ...
Im zweiten Akt zeigt Kuntze sein großes Talent für Massenszenen. Den großen Sängerwettstreit lässt er vor
einer Gesellschaft spielen, die das ganze Grauen der spätbürgerlichen Spassgesellschaft verkörpert ...
Eindringlich ist hier die Bildsprache des Regisseurs, ebenso im finalen dritten Aufzug. Hier arbeitet Kuntze geschickt mit der
Vervielfachung der Figur der Elisabeth; sie erscheint als Altarbild oder als Skulptur, schließlich als Doppelgängerin.
LÜBECKER NACHRICHTEN, 13. Juli 08Große Wirkung mit kleinen Mitteln: Kuntze ist mit diesem "Tannhäuser" ein Wurf gelungen. Das Publikum war begeistert, es gab Bravos und langanhaltenden Applaus. Dieser "Tannhäuser", der kurzweilig ist, kann in seiner Modernität die Initialzündung sein, die die Festspiele unbedingt brauchen. Er hat viele ausverkaufte Vorstellungen verdient. |
|
Grüner Hügel in Eutin entdeckt
Die Natur spielt so wunderbar mit in diesem "Tannhäuser", dass wir wähnten, Richard Wagner selbst erteile die Einsätze
in dieser formidablen Erstaufführung auf der Seebühne im Schlossgarten ...
DIE WELT, 14. Juli 08Zu derart glücklichen Fügungen gesellte sich das Intendantenglück von Heinz-Dieter Sense, der ... das Werk mit Kay Kuntze einem Regisseur anvertraut hat, der es keineswegs als Hypothek ansah, Regietheater unter freiem Himmel führen zu müssen. Gemeinsam mit Ausstatter Achim Römer lässt er die Naturbühne vollends zum Ereignis werden, ohne dabei auf plausible Personenführung zu verzichten. Im Sängerkrieg, den Kuntze als eitlen Jahrmarkt einer Schlagerparade inszeniert, heimst Wolfram als Vertreter der reinen Liebe die besten Noten ein, bevor durch Tannhäusers Bekenntnis das Spiel kippt. Die Minnesänger sind mit feinem Humor gezeichnet. Und die Elisabeth von Thüringen ist hier einmal keine der Liebe abholde Heilige, sondern eine durchgeknallte Hysterikerin, die zerrissen liebend zwischen Tannhäuser und Wolfram zugrunde gehen muss. ![]() Eindringlich geht die Romerzählung unter die Haut, wenn der mittlerweile erblindete Künstler von seiner Schmach berichtet, dass der Papst ihm seine Sünden nicht vergeben habe: Wie von Sinnen räumt Tannhäuser den Devotionalienkitsch von jenem zum szenischen Leitmotiv überhöhten Flügel, der ihm zum erotischen Quell seiner Inspiration, vermittelt durch die gurrende Stimme der Liebesgöttin Venus, wurde. Und Eutins grüner Hügel strahlt vor Wagnerwonnen. Diskussionswürdige Inszenierung
Eutin (dpa) - Am Ende gab es viel Applaus für eine diskussionswürdige Inszenierung.
Ausstatter Achim Römer setzte eine teure Halle zwischen Büsche und Bäume. Wandelemente, die sich verstellen lassen,
in dunkles Rot oder Waldesgrün getaucht, bildeten die Rahmen für das Sehnsuchts- und Erlösungsdrama, in dem Richard Wagner
zum Prediger wird. Den Frevler Tannhäuser im Büßergewand, den der Papst nicht von der Schuld befreit, erlöst am Ende ein
göttliches Wunder, das allerdings nicht zum glücklichen Ende reicht.
Wagners Dreiakter beginnt im Berg der Frau Venus. In Eutin ist diese oft erotisch aufgeladene Szene absolut jugendfrei.
Die Liebesdienerinnen räkeln sich nicht etwa auf Lotterbetten. Sie ziehen um einen Klavierkasten rote Fäden, um den
suchenden Tannhäuser zu fesseln. Frau Venus tritt nicht in Erscheinung. Sie singt aus dem abgedeckten Orchestergraben.
Im zweiten Bild räumt Elisabeth, Nichte des Landgrafen von Thüringen, erst einmal die Bühne auf.
Stephanie Friede, mit Gold in der Kehle, wirbelt umher als sei sie Meisterschülerin der Frau Venus, nicht die fromme Jungfrau.
Im Schlussbild vollendet sich das Schicksal der Liebenden vor einem Altar voller Madonnenfiguren und einem riesigen Kreuz.
Elisabeth stirbt in den Armen des Freundes Wolfram.
dpa, 14. Juli 08Romantischer Tannhäuser in Eutin
Doch 1 500 Opern-Enthusiasten in bunten Regen-Umhängen folgen gebannt den Geschichten des künstlerisch-verstrickten Tannhäuser,
der liebend-hingegebenen Elisabeth – und ihrer beide Liebestod. Kay Kuntze verzichtet auf Sex-Spiele im Hörselberg,
lässt die „Venus“ vielmehr aus einem riesigen Pianoforte im Off als die Verführerin leidenschaftlicher künstlerischer
Ambitionen hören; konfrontiert ästhetisches Wollen mit naiver Liebe, kruder Realität (die Landgrafen-Gesellschaft),
nachvollziehbaren Empfindungen (Wolfram) und gibt dem Hirten eine – verzweifelt-hoffnungslose – Vermittler-Funktion.
Elisabeth steigt – wie in der alten Mythologie – auf zu den Sternen, Tannhäuser vermag ihr nicht zu folgen.
Die Eutiner Festspiele haben mit diesem Tannhäuser die Herzen des Publikums gewonnen – und ein Zeichen für die sängerische,
musikalische und inszenatorische Qualität von Opern „open air“ gesetzt. Was Bregenz „im See“ ist Eutin „im Wald“! (frs)
opernnetz.de |
|
Romantischer Tannhäuser in Eutin
Auch das Theater hat Tage, da kommt eine wahre Fülle von Positivem zusammen.
Einen solchen Glückstag hatten die "Eutiner Festspiele" an diesem Freitag erwischt. Einem erwartungsvollen Publikum
präsentierte sich an einem warmen und trockenen Abend ein überaus romantischer "Tannhäuser",
an dem zumindest der frühe Wagner gewiss seine Freude gehabt hätt ...
Das Motiv ist im Grunde dasselbe: Der Kampf des Menschen gegen das Böse in sich, das bühnenwirksam durch Geschöpfe der Unterwelt
verkörpert wird. Wagner hat in seiner musikalischen Entwicklung stark auf Weber zurückgegriffen, und die inneren Beziehungen
der beiden Musikwerke sind greifbar. DER NEUE MERKER, 14. Juli 08Die geschickte Regie von Kay Kuntze und das Bühnenbild von Achim Römer greifen diese Zusammenhänge auf ... Ein Kasten in der Bühnenmitte ist vielfältig verwendbar - erinnert an ein Klavier ebenso wie an die Venushöhle, wird zum Podest für die Minnesänger und abschließend zum Altar. Eine überaus einprägsame Symbolik, die mit Theaternebel immer wieder verstärkt wird. Und auch mit den ihm großartig gelungenen Massenszenen erinnert Kuntze immer wieder an das in Eutin beliebte Vorbild - bis da hin , wenn Landgraf von Thüringen mit seinen Rittern auf der Rückkehr von der Jagd auf den lange nicht gesehenen Tannhäuser trifft und die Gruppe mit ihren Flinten auf ihn anlegen. Das ist ein urtümliches "Freischütz"-Motiv - auch wenn es sicherlich zur Minnesänger-Zeit noch keine Gewehre gab … Und immer wieder lässt Kuntze die Chorsänger als Fernchor agieren - das gibt vielen Szenen ein besonderes Gepräge. Langanhaltender Beifall mit vielen Bravos - hoffentlich, sicherlich der Auftakt für eine erfolgreiche Spielzeit. Tannhäuser in Eutin
Regisseur Kay Kuntze gelang eine durchweg spannende unbd sinnvolle Inszenierung, bei der er ein paar neue Aspekt entdeckte.
Zur Ouvertüre sah man ein Brautpaar, bei dessen Anblick Tannhäuser ein qualvolles "Nein" ausrief. Offenbar sind Wolfram
und Elisabeth ein Ehepaar (am Ende stirbt sie in seinen Armen). Zwischen Tannhäuser und Elisabeth schien eine Liebe noch
aus Kindertagen zu bestehen, die sie beim "Blinde Kuh"-spielen beschwören. Ein paar Mätzchen beim "Einzug der Gäste" und
beim "Sängerwettstreit" wären lässlich gewesen, aber Kuntze überzeugte ansonsten mit spannender Personenführung und fand
auch für die Chorauftritte effektvolle Lösungen.
ORPHEUS, Wolfgang Denker, 11/12 2008 |
|
Wagner ist in Eutin angekommen
„Tannhäuser“-Premiere begeisterte
Nach der glanzvollen Premiere von Richard Wagners Tannhäuser stellte sich eigentlich nur eine Frage: Warum musste Eutin
eigentlich so lange warten, bis dieses Werk auf der Bühne im Schlosspark geboten wurde? Wer vorher Vorbehalte hatte, ob Wagner und
Eutin zusammen passen, der sollte diese Vorbehalte wegwerfen. Natürlich hat zu dem gelungenen Premierenabend vor allem der
Regisseur Kay Kuntze seinen großen Anteil. Mit viel Symbolik und einfachen Handgriffen mit großer Wirkung erzählt er die teilweise
phantastische Geschichte.
DER REPORTER, August 08 Im Zentrum des Bühnenbildes steht ein großer Flügel, der in seiner Funktion permanent wechselnden Nutzungen
ausgesetzt ist: mal entsteigen ihm die Sirenen, die Tannhäuser nicht gehen lassen wollen, mal werden auf ihm Tische und Bänke
als symbolisches Bild eines Trümmerhaufen aufgebaut, mal dient er als Podest für die vortragenden Sänger.
Insgesamt ging das Publikum begeistert nach Hause – hatte es doch eine Wagneraufführung
auf hohem Niveau miterleben dürfen. Große Oper eben.
Konkurrenz für Bayreuth
... Stimmungsvolles gibt es auch sonst reichlich an diesem Abend auf der Freilichtbühne der Eutiner Festspiele, die in diesem
Jahr mit einer "Tannhäuser"-Produktion und 140 Mitwirkenden dem weitaus berühmteren Hügel im fränkischen Bayreuth beachtliche
Konkurrenz macht. Statt sich durch weitgehend fehlende Bühnentechnik und schmalen Etat einengen zulassen, setzte Regisseur
Kay Kuntze auf ein klares und verständliches Konzept für Wagners Künstlerpsychodram, das sich im Gewand deutschtümelnder
Minnesänger-Streiterei tarnt. Überraschung schon zu Beginn, als Tannhäuser den Venusberg mit all seiner Leidenschaft einzig
seiner Musik entlockt - einem symbolträchtig überdimensionierten Konzertflügel - zur Sünde werden fesselnde Ideen-Geister, in deren Banden sich der Sänger
verstrickt. Da ist kein Platz für schwüle Schau-Erotik, Frau Venus singt folgerichtig im Off des Orchestergrabens.
Der Sängerkrieg auf der Wartburg hat frech zupackendes Action-Format, und im dritten Akt kommt der
unbegnadigte Pilger als verbitterter, Altar-schändender Venus-Sucher zurück und wird final erlöst...
HAMBURGER ABENDBLATT, 28. Juli 08Ein großer Opernabend im einzigartigen Ambiente. |