Liebster Vater,

Oper von Stanley Walden nach Franz Kafkas Brief an den Vater

ML: Brynmor Jones, I: Kay Kuntze, B: Stephan Besson, K: Andrea Hoppen
Premiere: 21.06.1997, Berliner Kammeroper im Hebbel-Theater

Fotos

 
Igor Buschmann, Michael Tews, Frank Schneider Liebster Vater
Kay Kuntze hat inszeniert. Knapp und präzise auf weitgehend leerer Doppelbühne: unten ein mit Müll und viel Papier bedeckter Keller, in dem der Dichter sich verkriecht - oben der nüchtern kahle Raum, indem der - auch körperlich - massive Vater dominiert, umhuscht von grauen Frauengestalten. Immer wieder erfindet der Regisseur Gesten und Haltungen, mit denen die Darsteller ihre gegenseitige Abhängigkeit und Unterdrückung plastisch und bildhaft ausdrücken. (...) Natürlich neigen Opern nach literarischen Texten immer leicht zur Banalisierung ihrer Vorlage. Auch "Liebster Vater" entgeht dieser Gefahr nicht ganz - aber die schöne und kluge Inszenierung gleicht da viel aus. Großer Beifall!
SFB 3: GALERIE DES THEATERS, 22.06.97
 
Igor Buschmann, Michael Tews, Frank Schneider
Der kleine und der große Franz
(...) Die Vergangenheit bestimmt die Gegenwart des Dichters Kafka. Dafür findet der Regisseur Kay Kuntze eindringliche, sprechende Bilder. Etwa, wenn der Vater (beeindruckend: Michael Tews) den Sohn psychisch wieder einmal niederkartätscht und dabei beide das Kind Franz und den Erwachsenen Franz, im Würgegriff zur Rechten und zur Linken an seinen Körper drückt. Wie schwerer Balast drückt dieser autoritäre , emotionsunfähige Vater auf das Leben des Sohnes. Auch dafür gibt es ein sinnfälliges Bild: Der Sohn trägt schwankend unter der Last seinen Vater, der auf einer Plattform rhythmisch marschiert.
DIE WELT, 23.06.97
Ensemble Liebster Vater
(...) Starke Momente ergaben sich auch, wenn der Vater (das war fast nicht auszuhalten) auf die auf allen Vieren befindliche Mutter stieg, um auf die Seitenrampe der Bühne zu gelangen. Oder andere Elemente: Er sprang immer mit beiden Beiden auf, bevor er anfing zu singen, man zuckte immer förmlich zusammen. Wer eine komplexe Vaterbeziehung hatte, der hat wahrscheinlich fast Schwierigkeiten, in dieses Stück hineinzugehen, das einem ganz schön an die Nieren gehen kann aber das ist natürlich ein Erfolgsausweis. Kay Kuntzes Inszenierung hat sicher sehr viel zum Erfolg dieses Stückes beigetragen.
OSTDEUTSCHER RUNDFUNK, 21.06.97