Vatermord

Gewalt und Autonomie in neun Episoden
Musik: Shih, Libretto: Cornelia Krauss nach Arnolt Bronnen

ML: Peter Aderhold, I: Kay Kuntze, B+K: Duncan Hayler
Premiere: 20.10.2004, Berliner Kammeroper

Fotos

 
Oper "Vatermord" nach Bronnen am Ort des einstigen Theaterskandals
(…) Die Premiere am Mittwochabend ist mit Bravorufen und viel Beifall aufgenommen worden. Die Ovationen galten mit den Mitwirkenden unter der musikalischen Leitung von Peter Aderhold und in der Regie von Kay Kuntze auch dem in Wien lebenden und lehrenden Taiwan-chinesischen Komponisten Shih. (…) Von der Berliner Aufführung geht starke emotionale Wirkung aus.
ddp, 21.10.04
 
Tim Severloh Vibrierender Hexenkessel
Walter steckt sich spitze Stachel an die Finger. Spielt er Struwwelpeter, oder bereitet er sich auf eine Bluttat vor? Sein Bruder stochert mit einer Eisenstange nach ihm. Spaß oder Ernst? In der Oper "Vatermord" geht es um häusliche Gewalt in der Familie. Kay Kuntzes Inszenierung für die Berliner Kammeroper fasziniert durch die Gratwanderung zwischen Kabbelei und Brutalität. Wenn der Vater dem Sohn oder die Mutter dem Vater die Hände an den Hals legt, weiß man nie, ob der andere gewürgt oder massiert werden soll. Am Ende schläft Walter mit seiner Mutter und ersticht den Vater (…)
Die Musik setzt wie die Inszenierung auf vielschichtige Emotionen, die das Orchester und Dirigent Peter Aderhold impulsiv ausleben. Im vibrierenden, wimmernden und wütenden Hexenkessel existiert Liebe nicht ohne Haß, Verführung nicht ohne Angst, Mordlust nicht ohne Verzweiflung. Die Sänger (…) beeindrucken mit realistischer Darstellungskraft. Spektakulär wirkt das Bühnenbild. Die Familie lebt auf vier Etagen. Auf einer Videowand ziehen Wolken und Vögel vorüber, die geradezu zum mörderischen Ausbruch aus der familiären Enge aufrufen.
BERLINER MORGENPOST, 24.10.04
 
Kein Ausweg, nirgends
Dort hinten fliegt ein wunderlicher Vogel. Mit weit ausgreifenden gleichmäßigen Flügelschägen zieht er davon aus der Enge. Ein schwarz-weißes Filmbild, das sich einprägt, den Abend trägt, als Metapher für eine Welt, wie sie sein könnte, wenn nur nicht der Mensch als Abgrund in ihr hausen würde (…) Tim Severloh singt die Partie bei der Premiere in der Berliner Kammeroper und vermag diese Randerscheinung von Existenz auch schauspielerisch und psychologisch glaubhaft darzustellen.
Überhaupt rückt der, von Kay Kuntze in Szene gesetzte Abend die (…) triebhaften Wahnvorstellungen ins rechte (trübe) Licht. Eine Stahlkonstruktion aus vier miteinander verbundenen Etagen bildet den Grundriss jener Welt, in der die vier Protagonisten leben. Unten hämmert der jähzornig-misanthropische Vater, darüber in den Stockwerken zwei und drei zittern die auf archaische Weise miteinander verknüpfte Mutter und Sohn Walter. Ganz oben der jüngere Bruder (…): um dem Vater nachzueifern fuchtelt und piekt er mit einer Wotan-Lanze nach unten. Um seine Phantasien zu beflügeln züngelt und rubbelt er, was das Zeug hält. (…) Das Opfer wird zum Täter. Nicht einmal, nicht zehn Mal sticht Walter mit den Scherenhänden zu (ein schönes Bild, auch wenn es im berühmten Hollywood-Film einen anderen Konnex hat), nein, er tut es immer, immer wieder, bis seine Kräfte erlahmen: Frei ist er durch diese Tat jedoch nicht geworden. Wo anfangs der Vogel flog, schweben jetzt Wolken. Walter muss wohl dableiben, im Wolkenheim.
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, 27.10.04
 
Ödipus wider Willen
(…) Im Saalbau Neukölln inszeniert Kay Kuntze das Werk mit dem Orchester der Kammeroper Berlin als armes Theater. Die Bühne besteht nur aus einem Gerüst mit vier Ebenen, die durch Leitern miteinander verbunden sind. Innere Konflikte tragen die vier Sänger, einschließlich Walters Bruder, auf ihrer jeweiligen Ebene aus. Kuntze schafft eine spannende psychologische Studie über enttäuschte Liebe.
DER TAGESSPIEGEL, 22.10.04
Vatermord
Ganz düster begeht die Berliner Kammeroper im Saalbau Neukölln ihr 60 Produktionsjubiläum. (...)
Kay Kuntze setzt das Werk drastisch in Szene. Tim Severloh, mit anrührenden Schmerzenstönen seines biegsamen Countertenors und Regine Jakobi mit fülligem Mezzosopran ausgestattet eignen sich mit beklemmender Intensität ihre Partien an.
ORPHEUS, 01/2005
 
Allein zu viert
Das ungewöhnliche Bühnenbild (Duncan Hayler) bringt es gleich auf den Punkt: Es reicht vom unbesetzten Raum für das Orchester – das sitzt im Hintergrund der Szene – weitere drei Etagen hoch: Jedes der vier Familienmitglieder auf einer Höhe, was die Auflösung dieser Gemeinschaft, die Isoliertheit jedes Einzelnen sogleich sichtbar macht.(…) Und nur gelegentlich steigt der Mann vom Keller, wo er haust, in die 3. Etage zu Sohn Walter. Dem verweigert er eine wichtige Unterschrift wie Zuneigung. Von Walter aber fordert er Liebe. Als ob man die erzwingen könnte. Wahnvorstellungen suchen Walter heim. Er ist krank. In dieser Situation zerreißt ihm der Bruder (Hans Gröning) auch noch die liebevoll nach der Natur gezeichneten Bilder – wie der Vater ein Dokument. Offenbar Unterdrückung einer sensiblen Künstlernatur, für die es in einer kalten, rationalen Welt kein Verständnis gibt. Der Vater ist ein herrschsüchtiger Kleinbürger und Möchtegern-Bourgeois. So einer hat kaum Töne. Der Bruder zielt gar mit einem Speer auf den nackten Rücken Walters – wie Hagen auf Siegfried in der Nibelungen-Sage. (…) Als sich Walters tiefe Verzweiflung bemächtigt, kommt er zum Inzest mit dem Sohn. Dies wohl das vor allem den Skandal auslösende Moment 1922. Kay Kuntze, der Regisseur, löst diese Szene höchst geschmackvoll: Es ist die Tröstung, bei der sich beide eng aneinander schmiegen. Der Vater kommt dazu. Der Sohn ersticht ihn, singt von seiner ethischen Befreiung, geht, wenn auch blutbesudelt, mitten unter die Musikanten ganz hinten. (…)
Eine Kammeroper der unaufdringlichen Art, die in ihrer Umsetzung aktuell ist – mit Assoziationen zu heutiger häuslicher Gewalt. Die Umsetzung ist musikalisch wie inszenatorisch hervorragend gelungen bei dieser Aufführung im Berliner Saalbau Neukölln.
NEUES DEUTSCHLAND, 22.10.04
 
Mord in der Kammeroper
Inzest, Missbrauch und Gewalt: Das ist die Welt von „Vatermord“, der neuen Inszenierung von Kay Kuntze in der Berliner Kammeroper (…) Eine mutige Inszenierung, die Dank talentierter Darsteller, einem außergewöhnlichen Orchester und deinem genialen Bühnenbild ihre Wirkung voll entfalten konnte.
BZ, 22.10.04
 
Berliner Kammeroper: "Vatermord"
(…) Kay Kuntze inszeniert das im hübschen Saalbau Neukölln in einem vierstöckigen Bühnenaufbau. Für eine ähnlich aufwändige Bühnenvertikale war Anfang der 90er Jahre schon Peter Stein bejubelt worden. (…) Die Aufführung zeigt, wie den kleinen, frei produzierenden Operntruppen der Glaube an Ideale noch nicht abhanden gekommen ist. Das ist schön.
RBB: KULTURRADIO, 21.10.04
Is Bigger Really Better?
The big three operas in Berlin aren't the only ones putting their figurative eggs into very competitive baskets this fall. Kay Kuntze's Berliner Kammeroper presented the first of four performances of Shih's Vatermord at the Saalbau Neukölln on October 20th (…) Directing an ultra-modern opera can be quite difficult, especially if widely released recordings are not readily available (…) Kay Kuntze (…) director of Vatermord rose to the task admirably (…)
It should be said that I divined this story without having understood more than a few words from any singer in the production (…) Still, it is due to the strength of Kuntze's stage pictures that the story of Vatermord seemed so lucid. By very clearly establishing each level as "belonging" to one particular character, one could identify the ownership of the tension created in each scene. For example, every time the lights illuminated the lowest level, it created an uncomfortable anticipation of the father's impending involvement. The first evidence of the eventual seduction occurred on the "mother" level-making her control much clearer. The "consummation" occurred on the "Walther" level, in a moment of breathtaking poignancy and guilty hotness. Stunning moments of echoed movement were to be found throughout the piece, through the use of c everly set revolving "doors" and ladders built at angles. Lighting was stark, industrial, and very effective. Even the straight-from-Death-of-a-Salesman costumes seemed strangely perfect for this cold, prickly world.
The level of acting was extremely high, particularly that of Regina Jakobi in the role of the mother, Hans Gröning as the brother and often Walther. (…) this level of singing while acting (and vice versa) was really very extraordinary. (…) These scenes in general, both vocally and dramatically, forced audiences to the edges of their seats.
Still, the remarkable quality of the company's recent Vatermord should alert both Berlin's audiences and the city's fund-granting administrators to the presence of such independent groups of artists well deserving of attention and support.
WWW.KLASSIK-IN-BERLIN.DE
 
Countertenor als Ausdruck extremer Lage
(…) „Vatermord musste damals schockieren: Nicht nur das, was schon der Titel erkennen lässt, geschieht. Auch noch Mutter-Inzest. In der sehr geschmackvollen Inszenierung der Berliner Kammeroper (Kay Kuntze) wird diese Szene außerordentlich subtil behandelt (...) Der Komponist konnte bei der Premiere mit dem Ensemble starken Beifall entgegennehmen.
GIESSENER ALLGEMEINE, 27.10.04
In den Wolken
Es ist nur konsequent, wenn an diesem Abend vorwiegend Finsternis herrscht, wenn selbst die Wolken in fahlem Grau vorüberschweben. Denn Shihs Kammeroper (…) schildert vor allem eines: die Abgründe des Menschseins. Zu keinem Augenblick herrscht Hoffnung. Sämtlich verschattete Existenzen (…) Tim Severloh vermag diese Gratwanderung glaubhaft zu vermitteln – eine eindrucksvolle Darbietung. Wie überhaupt die Aufführung der Berliner Kammeroper (Regie: Kay Kuntze) die schauerliche Aura des Dramas, dessen Obsessionen und Wahnvorstellungen ins rechte Licht rückt, sich dabei im stilistischen Einklang mit der Musik wissend (…) Und weil zudem passabel (und besser: Regina Jakobi als Mutter) gesungen wird, war man Zeuge eines atmosphärisch dichten Abends.
ÖSTERREICHISCHE MUSIKZEITSCHRIFT 11-12/2004