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Der Wildschütz
Komische Oper von Albert Lortzing ML: Rainer Eichhorn, I: Kay Kuntze, B+K: Hendrik Kürsten Fotos |
Turbulent in Eisenach
Der bekannte Hintergrund des Stückes erfährt manche Erweiterung. Die Basedowsche
Erziehungs- und Bildungsreform des 18. Jahrhunderts lässt sich mühelos mit der Pisa-Studie
kurzschließen. (Kay Kuntze) lässt auch Baroninnen auf Pferd und Kutsche verzichten, um
sich stattdessen auf ein Motorrad zu schwingen. Im Fall der Baronin Kronthal und ihrer
Beifahrerin, der fotografierenden Zofe Nanette, macht das sportliche Outfit die
verkleideten Studenten noch glaubhafter. Es gibt reizvolle, auch pikante Höhepunkte.
Wenn die Ouvertüre erklingt, herrscht schon vor dem Vorhang geschäftiges Treiben,
darunter des Schulmeisters Jagd auf den von seiner Braut als Vorbedingung der Heirat
verlangten Rehbraten. (…) Amüsant der Geburtstagsmorgen des Grafen, wenn die
Dorfschönen mit ihm tanzen. Ein Kabinettstück wird die Parodie der Gräfin. Sie liest
keine Sophokles-Verse vor, sondern setzt sie gleich szenisch um. (…) Köstlich die Szene,
in der er vom sächselnden Haushofmeister zur Gräfin geführt, mit eingeübten Versen des
Sophokles imponieren will.
THÜRINGER ALLGEMEINE, 22. März 04
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Menschelndes Erotikon und viel Spektakel
Gegen den Strom der Zeit zu schwimmen, ist unmöglich, auch wenn aus dem "Wildschütz",
der sicher etwas angestaubten, dennoch aus dem Geiste Mozarts geborenen Spieloper von
Albert Lortzing, schon mal ein "Comedycal" wird. Das Landestheater Eisenach fand den
Schlüssel für solche Mutation: man stelle den zweiten, oft übersehenen Teil des Stückes
"…oder die Stimme der Natur" in den Mittelpunkt und schon lässt sich ein menschelndes
Erotikon arrangieren.
Das schüchterne Gretchen wird zur mannstollen Dirne, die Dorfschönen jeden Alters bieten
sich dem Grafen ganz eindeutig zum Geburtstag als "Geschenk" an, bis bunte Höschen und
BHs in Fülle die Bühne zieren. Und Baron, Baronin und Gräfin spielen das Spiel der
Spiele nach Herzenslust mit, doch jeder in den standesgemäßen Grenzen, wie er sie sich
selbst stellt. Da konnte freilich beim Zuschauer keine Langeweile aufkommen, wie auch der
lang anhaltende Beifall zeigt, denn ständig sorgte Kay Kuntze dafür, dass man sich immer
wieder neu und gespannt die Frage stellte, was denn als nächstes geboten werden würde.
Zunächst ein zwischen Kargheit und Überladung pendelndes, an Thüringer Lokalitäten
vorbeiziehendes Bühnenbild. Dann das wirklich erheiternde Lehrerspiel mit den
bühnenfüllenden Buchstaben, die beiden "Studenten" mit dem Motorrad, den Herrn Grafen im
Swimmingpool, bevor er mit zwei niedlichen Zimmermädchen nonchalant das Frühstück
einnimmt, den Haushofmeister Pankratius als Satyr - Spektakel über Spekakel.
THÜRINGER LANDESZEITUNG, 22. März 04
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Wirtschaftswunder und Spießertum
Wenn Lortzings komische Opern auf ihre Weise den Biedermeier um 1850 spiegelten,
weshalb sollte es dann nicht Sinn machen, auch in unserer heutigen Welt nach
entsprechenden Lebensgefühlen zu fahnden? Diese Grundidee, von der sich Kay Kuntze
(Inszenierung) und Hendrik Kürsten (Ausstattung) … haben leiten lassen, hat viel für sich.
Die gute, alte Zeit jener, die heutzutage die Opern- oder Operettenaufführungen besuchen
könnten die 50er Jahre der alten Bundesrepublik gewesen sein: Wirtschaftswunder uns
Spießertum, dazu vorerst sanfte Proteste der Jugendlichen mit Rock’n’Roll-Musik,
James-Dean-Filmen und erotischer Ungezwungenheit.
Vielleicht hat man aber am Publikum vorbeigedacht: Jene, die geistigen Genuss an einer
solchen Sichtweise hätten, gehen möglicherweise nicht in die Oper nach Eisenach.
Mancherlei visuelle Mittel wurden eingesetzt, um leicht zu verfremden, locker zu amüsieren,
immer wieder zu ironisieren … Das Bühnenbild war stimmig mit seinen dominanten Rundbogen
und den dummen Sprüchen der braven Deutschen, wie „Trautes Heim, Glück allein“
SÜDTHÜRINGER ZEITUNG, 19.4.04
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Der Wildschütz
Umwerfend ist die Morgenszene im gräflichen Park, die sich tatsächlich zur Charakterstudie
entwickelt. Wie Hans Gröning als Graf auf die Avancen der Dorfbewohnerinnen regiert ist
ebenso anrührend, wie witzig … Das tragikomische Verwirrspiel am Ende, zu dem Lortzing
Musik aus Mozartschen Geist schrieb, wird glaubwürdig ausgespielt, und auch das Plädoyer
der Schuljugend für ihren Lehrer erscheint komisch aber nicht lächerlich.
DER NEUE MERKER, April 04
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