Der Wildschütz

Komische Oper von Albert Lortzing

ML: Rainer Eichhorn, I: Kay Kuntze, B+K: Hendrik Kürsten
Premiere: 20.03.2004, Landestheater Eisenach

Fotos

Turbulent in Eisenach
Der bekannte Hintergrund des Stückes erfährt manche Erweiterung. Die Basedowsche Erziehungs- und Bildungsreform des 18. Jahrhunderts lässt sich mühelos mit der Pisa-Studie kurzschließen. (Kay Kuntze) lässt auch Baroninnen auf Pferd und Kutsche verzichten, um sich stattdessen auf ein Motorrad zu schwingen. Im Fall der Baronin Kronthal und ihrer Beifahrerin, der fotografierenden Zofe Nanette, macht das sportliche Outfit die verkleideten Studenten noch glaubhafter. Es gibt reizvolle, auch pikante Höhepunkte. Wenn die Ouvertüre erklingt, herrscht schon vor dem Vorhang geschäftiges Treiben, darunter des Schulmeisters Jagd auf den von seiner Braut als Vorbedingung der Heirat verlangten Rehbraten. (…) Amüsant der Geburtstagsmorgen des Grafen, wenn die Dorfschönen mit ihm tanzen. Ein Kabinettstück wird die Parodie der Gräfin. Sie liest keine Sophokles-Verse vor, sondern setzt sie gleich szenisch um. (…) Köstlich die Szene, in der er vom sächselnden Haushofmeister zur Gräfin geführt, mit eingeübten Versen des Sophokles imponieren will.
THÜRINGER ALLGEMEINE, 22. März 04
 
Menschelndes Erotikon und viel Spektakel
Gegen den Strom der Zeit zu schwimmen, ist unmöglich, auch wenn aus dem "Wildschütz", der sicher etwas angestaubten, dennoch aus dem Geiste Mozarts geborenen Spieloper von Albert Lortzing, schon mal ein "Comedycal" wird. Das Landestheater Eisenach fand den Schlüssel für solche Mutation: man stelle den zweiten, oft übersehenen Teil des Stückes "…oder die Stimme der Natur" in den Mittelpunkt und schon lässt sich ein menschelndes Erotikon arrangieren. Das schüchterne Gretchen wird zur mannstollen Dirne, die Dorfschönen jeden Alters bieten sich dem Grafen ganz eindeutig zum Geburtstag als "Geschenk" an, bis bunte Höschen und BHs in Fülle die Bühne zieren. Und Baron, Baronin und Gräfin spielen das Spiel der Spiele nach Herzenslust mit, doch jeder in den standesgemäßen Grenzen, wie er sie sich selbst stellt. Da konnte freilich beim Zuschauer keine Langeweile aufkommen, wie auch der lang anhaltende Beifall zeigt, denn ständig sorgte Kay Kuntze dafür, dass man sich immer wieder neu und gespannt die Frage stellte, was denn als nächstes geboten werden würde. Zunächst ein zwischen Kargheit und Überladung pendelndes, an Thüringer Lokalitäten vorbeiziehendes Bühnenbild. Dann das wirklich erheiternde Lehrerspiel mit den bühnenfüllenden Buchstaben, die beiden "Studenten" mit dem Motorrad, den Herrn Grafen im Swimmingpool, bevor er mit zwei niedlichen Zimmermädchen nonchalant das Frühstück einnimmt, den Haushofmeister Pankratius als Satyr - Spektakel über Spekakel.
THÜRINGER LANDESZEITUNG, 22. März 04
 
Wirtschaftswunder und Spießertum
Wenn Lortzings komische Opern auf ihre Weise den Biedermeier um 1850 spiegelten, weshalb sollte es dann nicht Sinn machen, auch in unserer heutigen Welt nach entsprechenden Lebensgefühlen zu fahnden? Diese Grundidee, von der sich Kay Kuntze (Inszenierung) und Hendrik Kürsten (Ausstattung) … haben leiten lassen, hat viel für sich. Die gute, alte Zeit jener, die heutzutage die Opern- oder Operettenaufführungen besuchen könnten die 50er Jahre der alten Bundesrepublik gewesen sein: Wirtschaftswunder uns Spießertum, dazu vorerst sanfte Proteste der Jugendlichen mit Rock’n’Roll-Musik, James-Dean-Filmen und erotischer Ungezwungenheit. Vielleicht hat man aber am Publikum vorbeigedacht: Jene, die geistigen Genuss an einer solchen Sichtweise hätten, gehen möglicherweise nicht in die Oper nach Eisenach. Mancherlei visuelle Mittel wurden eingesetzt, um leicht zu verfremden, locker zu amüsieren, immer wieder zu ironisieren … Das Bühnenbild war stimmig mit seinen dominanten Rundbogen und den dummen Sprüchen der braven Deutschen, wie „Trautes Heim, Glück allein“
SÜDTHÜRINGER ZEITUNG, 19.4.04
 
Der Wildschütz
Umwerfend ist die Morgenszene im gräflichen Park, die sich tatsächlich zur Charakterstudie entwickelt. Wie Hans Gröning als Graf auf die Avancen der Dorfbewohnerinnen regiert ist ebenso anrührend, wie witzig … Das tragikomische Verwirrspiel am Ende, zu dem Lortzing Musik aus Mozartschen Geist schrieb, wird glaubwürdig ausgespielt, und auch das Plädoyer der Schuljugend für ihren Lehrer erscheint komisch aber nicht lächerlich.
DER NEUE MERKER, April 04