Die Zarenbraut

Oper in vier Akten
Musik: Nikolaj Rimskij-Korssakow | Text: Nikolaj Rimskij-Korssakow und Ilja Fjodorowitsch Tjumenew
In russischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Premiere: 13.6.2009, Theater Osnabrück
nächste Vorstellungen: 19.9.09, 4.10.09, 17.10.09, 6.11.09

Musikalische Leitung: Marius Stieghorst
Inszenierung: Kay Kuntze
Bühnenbild und Kostüme: Martin Fischer
Choreinstudierung: Peter Sommerer
Dramaturgie: Carin Marquardt

Fotos


Im Mittelpunkt dieses in Westeuropa selten gespielten Meisterwerkes des russischen Komponisten Rimskij-Korssakow stehen zwei Frauen: Marfa, die der Zar zu seiner Gemahlin auserwählt hat, und Ljubascha, die entführte, entehrte und schließlich abgelegte Geliebte des Bojaren Grjasnoi. Oberflächlich betrachtet Gegenspielerinnen, werden beide Opfer selbstherrlicher patriarchalischer Machtstrukturen. Die schöne Marfa liebt Lykow. Doch weder ihr Vater noch ihr Verlobter vermögen es, sich dem Willen des Zaren zu widersetzen. Krank, vergiftet und dem Wahnsinn nahe, fügt sie sich dem Wunsch des Zaren. Anders als Marfa wehrt sich Ljubascha gegen die Zumutungen der Männer: Als sie erfährt, dass Grjasnoi Marfa begehrt und sie fallen lässt, besorgt sie ein Gift, das die Schönheit und Gesundheit der Rivalin zerstört. In dem dramatischen Ineinander von Liebe, Eifersucht und Giftmord lassen sich brisante, zeitlos aktuelle Strukturen erkennen: Machtdominanz und Egozentrik auf der einen Seite, Sehnsucht nach Liebe, Idylle und Harmonie auf der anderen Seite sowie die fatalen Folgen, die daraus erwachsen. Musikalisch hat Rimskij-Korssakow in der ZARENBRAUT Arien und Ensembles geschaffen, bei denen bewusst Kantabilität und Belcanto im Mittelpunkt stehen.



Vor den Augen eines Wolfes

Kay Kuntze, der künstlerische Leiter der Berliner Kammeroper, hat darum zurecht in seiner Osnabrücker Inszenierung die Brücke über die Zeiten geschlagen. Martin Fischers variabler Bühnenraum zitiert mit der farbenbunten Ikonenwand die russische Vergangenheit, versetzt das Ganze im Übrigen aber ins heutige Russland: Die schwarzgewandete Schlägertruppe (...) trägt Wolfsköpfe auf ihren schwarzen Ledermänteln. Und stechende Wolfsaugen schließen die Bühne nach oben ab - Symbol des in der Oper selbst nicht agierenden, aber als dräuendes Prinzip der Willkürherrschaft stets präsenten Zaren.
Vor allem im ersten Akt mutet Kuntze dem Publikum einiges zu - Sauforgien, sadomasochistische Gewaltszenen, die sexuelle Erniedrigung Ljubaschas sowie die Demütigung von Marfas Bräutigam: beklemmend brutale Details, die aber allesamt von Rimskys musikalischer Szenen- und Figurenanalyse getragen und beglaubigt sind. Von Anfang an herrscht so eine bedrohliche Sphäre kollektiver Gewalt, an der schließlich die Idylle der zur Ehe mir dem Zaren gezwungenen Marfa zerbricht, die aber auch die übrigen Beteiligten ... in den Abgrung reißt. Wenn im Schlussakt der Schrecken kulminiert, hebt Kuntze in kühner Überspitzung das Ende über die Realität hinaus. Über die leergeräumte Szene wölbt sich ein blauer Rundhorizont, der zur Folie einer letzten Begegnung von Marfa und Grsnoj wird: Der betrogene Betrüger wird in die große, umfassende Liebe der Sterbenden einbeschlossen...
Nach diesem eindrucksvoll gelungenen Abend versteht man noch weniger, warum Rimskys Meisterwerk so selten auf den Spielplänen auftaucht! OPERWELT, Uwe Schweikert, August 2009

Fotos: Martin Fischer 
Wenn der Terror die wahre Lust ist
Kay Kuntze ist kein zimperlicher Regisseur. Schon bei der Uraufführung der Oper "Lavinia A." im Osnabrücker Theater hatte der Berliner schonungslos gezeigt, wie verletzte Gefühle in blutige Brutalität umschlagen. Jetzt schickt er für Nikolai Rimski-Korsakows "Zarenbraut" eine Rockertruppe in schwarzer Lederkluft auf die Bühne, die säuft, kokst und vor allem ihre Mitmenschen grausam terrorisiert.
So, wie Liebe am Staatsterror zerbricht, erstickt Kuntze jede Idylle im Keim. Während Ljubascha in einem zu Herzen gehenden Lied den Tod beschwört, befummeln sie Grigori, der Freund Grjasnois und die anderen Opritschniks aufs Übelste - denn Menschen, Frauen zumal, zu entwürdigen zählt seit jeher zu den wirkungsvollsten Instrumenten der Macht. Und wenn Marfa sich auf ihren Verlobten Lykow freut, prügelt die Schlägertruppe im Hintergrund einen willkürlich ausgesuchten Mann zu Tode und steckt dessen Haus in Brand. Bis hierher setzt Kuntze eine Historienoper um - drastisch und bedrückend real, immer vor den Augen der Ikonen, mit denen Ausstatter Martin Fischer das Bühnenbild auskleidet, und vor den Augen eines Wolfes über der Bühne, die das Geschehen fortwährend im Blick haben - Überwachung total durch Staat und Kirche. Doch im zweiten Teil des Abends fokussiert Kuntze die inneren Dramen seiner Protagonisten: Alle Hoffnungen zerbröseln unter dem Eingriff der Staatsmacht.
Es gelingt ein bewegender Opernabend. Trotz des bestürzenden Bühnenrealismus. Oder gerade deswegen. NEUE OSNABRÜCKER ZEITUNG, Ralf Döhring, 15.6.2009

Fotos: Martin Fischer 
Mord und Totschlag
Die Terror-Welt von Iwan dem Schrecklichen auf die Opernbühne zu bringen, ist kein einfaches Unterfangen. Doch Regisseur Kay Kuntze wagte den Versuch mit drastischen Mitteln und erntete dafür im Osnabrücker Theater viel Applaus. Zu Recht. Während die Ouvertüre zu "Die Zarenbraut" von Nikolai Rimski-Korsakow in orgastischen Schüben aus dem Orchestergraben dringt, lässt Kuntze am Bühnenrand duzende Frauen vorführen - teilweise nackt. Kurz darauf steht eine Rockerclique im Mittelpunkt der Ereignisse. Sie fungieren als die Opritschniki, eine Art persönliche Schläger-Truppe des Zaren, die brandschatzen, morden, plündern und vergewaltigen. Und so bilden sie in ihrer schwarzen Lederkluft, mit wilden Frisuren und schweren Stiefeln, den radikalen Kontrast zum Bühnenbild von Martin Fischer. Der reiht meterhohe Ikonen über die gesamte Bühnenbreite aneinander. Religionskult und anarchischer Regierungsstil gleichzeitig. Rimski-Korsakows Oper verweigert dem Zuschauer Identifikationsfiguren. Regisseur Kuntze versucht gar nicht erst, die Soldaten in ein besseres Licht zu rücken. Rigoros zeigt er minutenlang, wie Ljubascha zum Opfer der Meute mit den Wolfskapuzen wird. Ein Happy-End gibt nicht, dafür einen realistischen Einblick in die ausbeuterische Welt von Macht und Gewalt - radikal in die Gegenwart transportiert. In diesem düsteren russischen Naturalismus, der keinen Platz für empfindsame Anwandlungen lässt, überzeugen die Sänger durchweg.
Würde das Osnabrücker Symphonieorchester nicht den musikalischen Gesamteindruck mit vielen Intonationsproblemen ruinieren, stünde einem großartigen Opernabend nichts im Wege. MÜNSTERSCHE ZEITUNG, Heiko Ostendorf, 17.6.2009

Fotos: Martin Fischer 
Totale Gewalt
Bedrängende Ikonenwände, zaristische Leibgarden im Rocker-Outfit, brennende Gebäude, zerstörte Menschen: Kay Kuntze inszeniert Rimskij-Korssakows "Schauerdrama" als beklemmende Abfolge totaler Gewalt. Er widerlegt das Vorurteil, hier werde ein monströses Sittenbild der Zeit Iwans des Schrecklichen zum bluttriefenden spätromantischen Selbstzweck. Staats-Terrorismus, Betrug, Vergewaltigung, werden zum Pandämonium einer von Gewlt beherrschten Gesellschaft, in der wahre Gefühle - und der Wunsch nach zivilem Leben - keine Chance haben. Kuntze gelingt es, Brutalität zu demonstrieren, ohne zu plakativ-degoutanten Mitteln zu greifen, beschränkt sich auf hoch assoziative Andeutungen - verbreitet über zweieinhalb Stunden aber dennoch eine sich ständig steigernde Atmosphäre unausweichlicher Bedrohung...
Das Osnabrücker Publikum ist nach einigen Momenten der "Einfühlung" total gebannt von stimulierender Atmosphäre und assoziativen Charakteren sowie von emotionalisierendem Gesang und Spiel. Riesen Applaus am Schluss. Das Theater Osnabrück hat sich - erfolgreich - verdient gemacht um ein offensichtlich zu unrecht diskriminiertes Werk des Musiktheaters! Points 5/5 OPERNNETZ, frs, 20.6.2009